Schon bevor illegale Musikdownloads überhaupt möglich waren, war das „Kopieren“ ein wesentliches Element von Kreativität und Innovation. Der Erfolg von Spotify oder die steigende Profitabilität von YouTube-Inhalten zeigen uns die Möglichkeiten, die unbegrenzte Inspiration und Zugänglichkeit eröffnen. Während die Gesetzgebung noch mit der Schnelligkeit des digitalen Zeitalters zu kämpfen hat, arbeiten wir daran, der Kreativität freien Lauf zu lassen, die Rechte der Urheber zu schützen und Verbrauchern nützliche Produkte zu bieten.

Anwälte und Blogger (sowie die Anwälte von Bloggern) debattieren derzeit hitzig über Urheberrechtsfragen in den Chaträumen und Gerichtssälen der Welt. Ersticken die für eine analoge Ära geschriebenen Gesetze die digitale Kreativität? Kann gegen Internet-Piraterie nichts unternommen werden? Wie können wir die Urheber entlohnen und gleichzeitig sowohl Nutzer als auch neue Generationen von Autoren und Künstlern motivieren und fördern? Welchen Weg sollen wir in unserem ersten digitalen Jahrhundert einschlagen?

Sprechen wir zunächst über die Bedeutung von Kreativität. „Kreativität ist keine Magie. Sie entsteht durch die Anwendung gewöhnlicher Denkwerkzeuge auf bestehendes Material“, sagt Autor und Regisseur Kirby Ferguson in seiner Webvideo-Reihe Everything is a Remix. „Durch die Verknüpfung von Ideen können kreative Sprünge gemacht werden, die zu einigen der größten Durchbrüche der Geschichte führen können.“

„Everything is a Remix“ führt Beispiele aus der Geschichte an, in denen Künstler Inspiration aus der Derivation gezogen haben. Bob Dylans erstes Album enthielt 11 Coverversionen. Thomas Edison hat die Glühbirne nicht erfunden (sein erstes Patent betraf die „Verbesserung von elektrischen Lampen“); er hat lediglich die erste marktfähige Glühbirne entwickelt. Hier ist mein persönliches Lieblingsbeispiel: Shakespeare hat Bühnenautoren aus dem vorangegangenen Jahrhundert remixt, und die Anzahl der Werke, die er selbst inspiriert hat, ist fast unzählbar. Das Ergebnis: 450 Jahre Kreativität durch faire Verwendung und Public Domain.

Digitale Plattformen geben uns Zugriff auf mehr Inhalte – die Bausteine der Kreativität – als je zuvor. Wir haben unvergleichliche Ressourcen, um inspirierendes Material zu remixen oder davon ausgehend etwas Neues zu schaffen. Wir haben auch die Technologien, mit denen die Umsetzung leichter als je zuvor ist, und wir haben Zugang zum größten Publikum, das die Welt jemals gesehen hat. Laut YouTubes Statistiken haben 69 Prozent aller erwachsenen Internetnutzer bereits Onlinevideos gestreamt oder heruntergeladen. Das sind 52 Prozent der erwachsenen Bevölkerung der Vereinigten Staaten.

Digitale Plattformen bringen auch Geld ein: Hunderte unserer Partner auf YouTube verdienen über 100.000 $ im Jahr und die Anzahl der YouTube-Produzenten, die mit ihren Inhalten mehr als 1.000 $ pro Tag verdienen ist seit Anfang 2010 um 300 Prozent gestiegen. Wir beobachten auch ganz neue Modelle kreativen Schaffens wie etwa die 101 klassischen Musiker aus 30 verschiedenen Ländern, die auf Basis von Online-Video-Auditions für das YouTube Symphony Orchestra ausgewählt wurden. Das Orchester gab 2009 sein Debütkonzert in der Carnegie Hall in New York.

Nie zuvor gab es bessere Voraussetzungen für Künstler und Verbraucher; damit sind wir allerdings noch nicht zufrieden. Die Kreativität, die Sie online erleben – in Form des YouTube Symphony Orchesters, der Lernvideos der Khan Academy oder der inspirierenden TED-Konferenzen, die frei im Internet veröffentlicht werden – sind möglich durch gesetzliche Regelungen, die den Fortschritt der Wissenschaft und Kunst schützen und fördern. Google selbst fußt darauf, dass die Bestimmung der fairen Verwendung das Kopieren und Durchstöbern von Kontexten anderer Websites erlaubt. Diese Schutzregelungen sind jedoch nicht garantiert.

Die Welt verändert sich in immer schnellerem Maße. Es ist sicherlich eine Herausforderung, das IT-Recht auf Technologien und Medien anzuwenden, die zum Zeitpunkt, als das Gesetz geschrieben wurde, noch nicht existierten. Die beste Herangehensweise ist ein bewusster Dialog, der die Bedürfnisse und Rechte sowohl der Urheber als auch der Verbraucher in Betracht zieht, besonders weil diese traditionell abgegrenzten Kategorien zunehmend verschwimmen.

Des Weiteren müssen wir jene Aspekte der vorhandenen Gesetzgebung identifizieren, die Kreativität fördern, und sicherstellen, dass diese Komponenten unverrückbar bleiben. Wenn wir über Urheberrecht nachdenken, denken wir oft nicht an legitime Arten des Kopierens, von denen oft sowohl Verbraucher als auch neue Generationen von Urhebern profitieren. Ein Journalist, der einen Bericht zitiert, unterfüttert dadurch seinen Artikel und verhilft dem Bericht gleichzeitig zu mehr Reichweite.

Musikliebhaber, die eine Kopie ihrer CDs in der Cloud ablegen, können ihre Musik von überall aus anhören. Ein Musiker kann durch Anleihen aus einer früheren Komposition ein gänzlich neues Werk schaffen. Charles Gounod improvisierte eine Melodie auf Basis einer 137 Jahre alten Komposition von Johann Sebastian Bach, Präludium Nr. 1 in C-Dur, und erschuf daraus das „Ave Maria“, das wir heute so oft bei Hochzeiten und Beerdigungen hören.

Sie können und wollen sich sehr wohl an die Regeln halten, wenn sie dafür hochwertige und leicht zugängliche Inhalte zu einem fairen Preis bekommen.

Eine effektive Urheberrechtsregelung haucht kreativen Onlineinhalten Leben ein, ob in Nachrichtenforen, auf Flickr, Twitter oder YouTube. Diese Plattformen müssen durch ein IT-Recht gestützt werden, das die Rechte sowohl von Verbrauchern als auch von Urhebern berücksichtigt. Gesetze wie der Digital Millennium Copyright Act und der Communications Decency Act schützen die Urheber und sichern gleichzeitig ein gesundes Maß an Ausdrucksfreiheit auf den Plattformen, die ihre Inhalte hosten, seien es Texte, Fotos, Videos oder Musik. Wenn wir diese Balance nicht wahren, laufen wir Gefahr, unfairerweise 99 Prozent all der großartigen Onlineinhalte aus Angst vor dem einen Prozent, das die Regeln bricht, zu unterdrücken.

Dies ist keine abstrakte Gefahr. Eine im letzten Jahr von Booz & Company veröffentlichte Studie verdeutlicht, wie sehr digitale Kreativität zu unserer sich schnell wandelnden Wirtschaft beiträgt. Alleine der eBook-Markt soll im Jahre 2013 17 Milliarden $ Umsatz erreicht haben. Der Wert des digitalen Musikmarktes im Jahre 2014 wird auf voraussichtlich 32,5 Milliarden $ beziffert. Und das Bruttoinlandsprodukt der USA ist aufgrund des Internets in den letzten fünf Jahren um ungefähr 15 Prozent gewachsen.

„Wir laufen Gefahr, unfairerweise 99 Prozent all der großartigen Onlineinhalte aus Angst vor dem einen Prozent, das die Regeln bricht, zu unterdrücken.“

Googles Aufgabe als ein Unternehmen, das digitale Plattformen schafft und unterhält, ist nicht nur die technische Umsetzung, sondern auch zuzuhören. Wir wollen stets am Puls der Urheber und der breiteren Content-Industrie sein, ihre Bedürfnisse verstehen und gemeinschaftlich Konzepte erarbeiten, die sicherstellen, dass wir alle optimal für das digitale Zeitalter gerüstet sind. Einige große Vordenker, wie z. B. die Leute von Creative Commons, bringen uns alle voran. Creative Commons ist eine Non-Profit-Organisation, die rechtliche und technische Werkzeuge entwickelt, damit Urheber ihre Inhalte einfacher mit der Welt teilen können.

Die Ergebnisse können aufschlussreich sein. Der Erfolg des Musikstreaming-Dienstes Spotify zeigt, dass Verbraucher sich sehr wohl an die Regeln halten können und wollen, wenn sie dafür hochwertige, leicht zugängliche Inhalte zu einem fairen Preis bekommen. Ein Bericht aus Spotifys Heimatland Schweden aus dem letzten Jahr stellt dar, dass die Anzahl der Nutzer, die Musik illegal herunterladen, seit 2009 um 25 Prozent zurückgegangen ist.

Wir müssen alle gemeinsam am Konzept eines IT-Rechts arbeiten, das sowohl die grundlegenden Regeln des Urheberrechts respektiert als auch den Verbrauchern und Urhebern gleichermaßen nützt – darunter all den Bands und Künstlern, deren Videos wir auf YouTube präsentieren, oder den 35.000 Autoren und Herausgebern, mit denen wir auf Google Books arbeiten. Den Blick auf das große Ganze gerichtet, möchten wir „Fair Use“- und Safe-Harbor-Regelungen in den USA erhalten, die bestehenden Gesetze in Bezug auf „verwaiste Werke“ ohne offensichtlichen Urheber verbessern und diesen Ansatz international fördern.

Auf diese Weise schaffen wir innovativen Menschen bestmögliche Bedingungen für die Realisierung der Werke, von denen sie immer geträumt haben, und das beste Vertriebssystem für ihre Arbeiten, um das größtmögliche Publikum zu erreichen. Wir werden in den Genuss neuer Unterhaltungs-, Informations- und Lernformen kommen, die sich niemand – auch nicht Dylan, Edison oder Shakespeare – je hätte erträumen lassen.