Die Welt um uns ist im Wandel. Wenn wir uns aber ansehen, wie unsere Kinder unterrichtet werden, scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Vorausdenkende Fachleute sind der Meinung, dass die Schule des 21. Jahrhunderts nur mittels neuer Technologien und Ideen mit den Schülern Schritt halten kann. Hier präsentieren wir Beiträge von Pädagogen, die argumentieren, dass frühere Modelle des Lernens ausgedient haben und die Schulen sich für neue Konzepte und Ideen öffnen müssen. Denn die Fähigkeiten, die wir in der Zukunft benötigen werden, sind nicht die gleichen wie diejenigen, die wir in der Vergangenheit schätzten.

Fast zwei Jahrhunderte lang hatte die Schule die Aufgabe, Minderjährige zu einer Erwerbsbevölkerung heranzuziehen, die der Welt von morgen gewachsen ist und sie formen kann. Dabei müssen wir aber bedenken: Wenn die Welt, in der wir leben, nicht so aussieht wie vor 30 Jahren, und noch weniger wie in 30 Jahren, ist es dann richtig, dass das heutige Klassenzimmer von Ihrer Mutter, deren Mutter oder aber auch Ihrer ständig online chattenden, vom Handy nicht zu trennenden Tochter sofort als solches erkannt wird?

Es ist kaum revolutionär zu sagen, dass wir in revolutionären Zeiten leben. Wie wir heute arbeiten, kommunizieren, leben und lernen wurde durch das vom Internet hervorgebrachte Informationszeitalter grundlegend verändert. Während wir aber intuitiv neue Tools und Fähigkeiten in unser tägliches Leben integrieren – Blogs, Tweets, SMS und der fast instinktive Einsatz von Google –, sieht es in den Schulen immer noch so aus, als gäbe es diese gar nicht.

Nur gut, dass die Kids nicht auf den Kopf gefallen sind. In Bezug auf die Kenntnisse, die in der realen Welt wichtig sind, wissen sie, dass die meisten Antworten nur ein paar kollaborative Klicks entfernt sind – dass diese in den offenen, partizipatorischen Räumen, die wir online heute alle bewohnen, zur Verfügung stehen. Wäre es also nicht an der Zeit, dass sich unsere Klassenzimmer dem stellen und sich auf Webgeschwindigkeit einstellen?

Angesichts einer komplexen Zukunft haben einige pädagogische Wissenschaftler keine Angst einzuräumen, dass wir nur vorwärts kommen können, wenn wir das alte System auseinandernehmen und eine neue Vision an seine Stelle setzen. Folgende wichtige Lektionen können uns den Weg dazu ebnen.

ERSTE LEKTION: DIE WELT VERÄNDERT SICH – SPRING AUF, SOLANGE DU KANNST

Professor Cathy Davidson weiß mit Veränderung umzugehen. In ihrem Büro in der Duke University, wo sie Lehrveranstaltungen gibt wie „This is Your Brain on the Internet“, nimmt sie uns auf eine Zeitrafferreise durch die Informationszeitalter mit, die die Welt verändert haben – von der Erfindung der Schrift im alten Mesopotamien bis zu Tim Berners-Lees World Wide Web. „Fast alles, was wir über Schule wissen, wurde für das späte 18. Jahrhundert entwickelt, als die Erfindung dampfgetriebener Druckmaschinen Bücher auch für das gemeine Volk zugänglich machte“, erklärt sie. „Zum Teil ging es dabei um soziale Kontrolle – wie man diese riesige Gruppe von Menschen, die jetzt lesen konnte, für die neue industrielle Welt ausbilden könnte. [Jetzt] befinden wir uns im vierten Informationsalter, wo sich jeder selbst öffentlich darstellen kann, und wir arbeiten immer noch mit diesem veralteten hierarchischen System.“

In ihrem Buch Now You See It untersucht Davidson, wie sich unser Gehirn trotz der seit langem bestehenden Ängste bezüglich der Informationsgeschwindigkeit an das digitale Zeitalter angepasst hat. „Frühe Kritiker zum Beispiel weigerten sich einfach zu glauben, dass Autos sicher sein könnten. Sie dachten, die Aufmerksamkeit und die Reflexe des Menschen seien einfach nicht dafür geschaffen, die an der Windschutzscheibe vorbeirasenden Informationen aufzunehmen und zu verarbeiten“, berichtet sie. Doch unser Gehirn ist nicht statisch – es passt sich ständig an und sorgt dafür, dass wir mit den Entwicklungen Schritt halten.

Deshalb scheinen Bedenken, die heute noch rational erscheinen, morgen oft schon lächerlich. „Man hört viel dummes Zeug darüber, wie das Internet angeblich die Aufmerksamkeit und das Gedächtnis junger Menschen zerstört“, so Davidson. „Doch nur fünf Prozent der Energie des Gehirns wird verwendet, wenn wir von einer Aufgabe zu einer anderen schalten. Wenn man sich dagegen auf etwas Bestimmtes konzentriert, wie es das traditionelle Bildungsmodell vorgibt, schließt man tatsächlich alles andere aus.“

Dieser Unterschied zwischen dem mittelmäßigen Gehirn, das wir zu besitzen glauben, und diesem erstaunlich anpassungsfähigen Gebilde in unserem Schädel hat unser Bildungssystem an einen veralteten Archetypen gefesselt.

In ihrem Buch nennt Davidson dies das „Fließbandmodell“, das Uniformität sowohl „bietet als auch darunter leidet“. Eckpfeiler des Systems sind standardisierte Benotung und Curricula, die die Kreativität hemmen. „Alles im Zusammenhang mit Schule und Arbeit im zwanzigsten Jahrhundert war darauf ausgerichtet, getrennte Fächer, getrennte Kulturen, getrennte Stufen, getrennte Funktionen und getrennte Räume für persönliches Leben, Arbeit, Privatleben, öffentliches Leben und alle anderen Bereiche zu schaffen“, schreibt Davidson. „Dann kam das Internet.“

Heute erklärt sie: „Wir haben uns in den letzten 100 Jahren eine Art gezielte, aufgabenorientierte, spezialisierte Aufmerksamkeit angeeignet. Jetzt leben wir aber in einer Welt, deren Errungenschaften auf einem Denken beruhen, das kollaborativ, offen, iterativ, auf Gruppeninteraktion ausgerichtet, widersprüchlich und bewusst ist und sich ständig weiterentwickelt.“

Eine Welt, die neue Ansätze und Methoden erfordert, die von den monolithischen Lehrpraktiken weggehen und eine schülerzentrierte Haltung einnehmen. Dies geschieht auch bereits. Khan Academy, eine Online-„Schule“ auf YouTube, die mehr als 2.500 Kursvideos kombiniert mit Übungen und Echtzeitdaten zur Leistung der Schüler zur Verfügung stellt, arbeitet mit dem Schulbezirk Los Altos zusammen, um diese Ressourcen in den Schulalltag mit einzubringen. Es geht nicht darum, menschliche Kontakte aus dem Lernprozess zu nehmen, sondern „das Klassenzimmer umzudrehen“. Lehrer geben Videos als Hausaufgabe auf und arbeiten während der Schulstunden mit kleineren Gruppen an verschiedenen Problemen, so dass die Schüler ihr eigenes Lerntempo einschlagen können.

Heißt das also „friss oder stirb“? „Ich denke nicht, dass man auch nur für einen Cent Technik in das Klassenzimmer investieren muss, um den Kids die richtige Denkweise für unsere Zeit beizubringen“, meint Davidson. „Jedes Kind sollte Code lernen, und sei es nur, um zu wissen, wie das System funktioniert. Sie sollten lernen, wie man zusammenarbeitet, wie man in Gruppen arbeitet und wie man Projekte bearbeitet. Alle diese intensiven Fähigkeiten gleichen der Welt des Lernens, die die Schüler online erfahren.“

ZWEITE LEKTION: DIE ZÜGEL LOSLASSEN; VOM WEB LERNEN

Wenn Professor Sugata Mitra seine neuesten Erkenntnisse vorträgt, fangen traditionelle Pädagogen zu zittern an. Anhänger des sturen Lernens durch Wiederholung hören die Worte „Minimally Invasive Education“ (MIE) nicht gern. Das ist aber wohl bei jeder Revolution so.

1999 führte Mitra ein Experiment durch, das das Prinzip der hierarchischen Erfahrung als Grundlage des Bildungsprozesses – wenn eine Person lernen will, muss eine andere unterrichten – untergraben sollte. Während seiner Zeit bei dem globalen Bildungsunternehmen NIIT installierte er einen Computer in einer Mauer in Kalkaji, Neu-Delhi. Er stellte fest, dass die Kinder aus den umliegenden Slums auch ohne Beaufsichtigung selbst lernten, wie man ihn bedient.

Jedes Kind sollte Code lernen, und sei es nur, um zu wissen, wie das System funktioniert. Sie sollten lernen, wie man zusammenarbeitet, wie man in Gruppen arbeitet und wie man Projekte bearbeitet. Alle diese intensiven Fähigkeiten gleichen der Welt des Lernens, die die Schüler online erfahren.

„Heute erscheint uns das nicht verwunderlich“, meint Mitra. „Aber wir müssen uns in das Jahr 1999 zurückversetzen. Damals glaubte man, dass man Kindern die Benutzung eines Computers beibringen muss. Ich dachte mir damals, dass dies vielleicht nicht stimmt.“ Nachdem er seine Hypothese bewiesen hatte, führte Mitra weitere „Mauer“-Experimente in Indien, Kambodscha und Afrika durch. Jedes erbrachte die gleiche Überraschung. „Wir waren auf eine Art universellen Lernmechanismus gestoßen. Daraus ergab sich natürlich eine zweite Frage: Wenn Kinder sich die Benutzung eines Computers selbst beibringen können, was können sie dann noch selbstständig lernen? Dies führte zu einer ganzen Reihe von Experimenten, aus denen derzeit etwas fast Unglaubliches hervorgeht: Gruppen von Kindern können sich mit einem Computer mit Internetanschluss fast alles beibringen.“

Ein Höhepunkt war, als Mitra einer Gruppe von Tamilisch sprechenden Dorfkindern die „unmögliche“ Aufgabe stellte, aus englischsprachigen Materialien ohne Lehrer die biotechnischen Grundlagen der DNA-Replikation zu lernen. „Innerhalb von drei Monaten hatten sie mit meiner Kontrollgruppe aus einer teuren Privatschule in Neu-Delhi gleichgezogen“, berichtet Mitra. „Meine nächste Frage ist: Können Kinder eigenständig lesen lernen? Dies ist eine kurze kleine Frage, aber eine, die das Bildungswesen auf den Kopf stellen wird, wenn die Antwort Ja lautet. Wenn ein Kind selbst lesen lernen kann und dann Zugang zum Internet erhält, braucht es dann sonst noch etwas?“

Nach zwölf Jahren der Experimente hat Mitra seine Theorien zur MIE räumlich umgesetzt – in Kabinen, sogenannten SOLEs (Self-Organized Learning Environments – selbstorganisierte Lernumgebungen), in denen Gruppen von Kindern unbeaufsichtigt das Internet durchforsten können. „Die Abwesenheit einer Lehrkraft kann ein pädagogisches Hilfsmittel sein“, erläutert Mitra. „Ehe man etwas unterrichtet, kann man den Lernenden die Gelegenheit geben zu sehen, ob sie es selbst lernen können. Wenn ja, geht man weiter im Programm. So einfach ist das.“

Auch in Davidsons Klassen ist die Lehrkraft nicht mehr der einzige Experte im Raum. „Ich arbeite nach den Prinzipien der offenen Webentwicklung“, erklärt sie. „Jede Woche sind zwei Schüler für die Klasse verantwortlich. Sie lesen, was auf dem Lehrplan steht, und entscheiden dann, ob sie das unterrichten wollen oder etwas anderes. Jedem wird eine Eins garantiert, wenn zehn Aufgaben von ihren Mitschülern als angemessen bewertet werden. Es handelt sich um einen ständigen Prozess des Lernens – darum, wie man am Feedback der anderen wachsen kann, so wie man auch aus den sozialen Netzwerken online lernt. Man weiß nicht, von wem die Informationen kommen, aber man lernt, anderen zu trauen, weil sie gut darin sind, Informationen weiterzugeben. Das krempelt das Bildungssystem vollkommen um: Für mich ist das die Welt, in der wir jetzt leben.“

DRITTE LEKTION: TECHNOLOGIE IST EIN WERKZEUG – BIS SIE ZU EINEM MITTEL DER VERÄNDERUNG WIRD

„Die Handys, die die Schüler in der Tasche haben, leisten oft mehr als die Computer in der Schule“, meint Geoff Stead, Leiter für Innovation beim Bildungsberatungsunternehmen Tribal. „Denken Sie einmal nach, ehe Sie sie verbieten: Würden Sie an einem zukünftigen Arbeitsplatz nicht erwarten, dass Sie andere immer und überall kontaktieren können? Das ist die Welt, auf die wir unsere Kinder vorbereiten, es ist also nicht sinnvoll, so zu tun, als gäbe es die Handys nicht. Unser Credo ist: Handys nicht als Kanal zur Weitergabe von Inhalten benutzen, sondern als ein Werkzeug, um Lernende zu interessieren und sie zu ermutigen, selbst aktiv zu werden.“

Stead weiß, dass Mobiltechnologien soziale Veränderungen ermöglichen, weil er es selbst erlebt hat. Über M-Ubuntu – eine Initiative, die 600 südafrikanische Schüler mithilfe von billigen Handys an projektbasiertes Lernen heranführt – und ein App-basiertes Programm zum Lesen- und Schreibenlernen für McDonald's-Angestellte hilft er frustrierten Lernenden, sich wieder einzubringen.

Es geht jedoch nicht nur darum, den Lernenden ein Mittel an die Hand zu geben. Technologie zur Unterstützung der Lehrer einzusetzen, wird ebenfalls überall im Bildungswesen gefordert. Das Google Faculty Institute (GFI) ist nur eine von mehreren Initiativen, die Pädagogen an der Basis dabei unterstützen wollen, die Revolution in Gang zu setzen. „Ziel ist, durch die Zusammenarbeit mit angehenden Lehrern und Dozenten der Lehrerausbildungsinstitute von 19 staatlichen Universitäten in Kalifornien tiefgreifende pädagogische Veränderungen zu bewirken“, erklärt Maggie Johnson, Leiterin der Abteilung Education and University Relations bei Google. „Wir tun dies in der Hoffnung, eine neue Generation von Lehrern zu schaffen, die mit einem völlig anderen Verständnis von Technologie in das Bildungswesen hineinkommen.“

In diesem Sommer kam das GFI zusammen, um zu diskutieren, wie Technologie eingesetzt werden kann, um das Klassenzimmer vom Vortragssaal zum Gesprächsraum werden zu lassen. Das war nur der Anfang. Zehn Stipendien wurden an Projekte unter der Leitung eines Teams von mehreren Stipendiaten vergeben. Die Projekte sollen jeweils binnen sechs bis neun Monaten abgeschlossen werden. „Ein Projekt, das mir besonders gefällt, ist ein vierwöchiger Kurs, in dem zukünftige Lehrer lernen, wie man mit App Inventor – einem Tool, mit dem Laien Apps für Mobilgeräte erstellen können – auf einem Android-Gerät programmiert“, erklärt Johnson. „Ich mag besonders, dass dies skalierbar ist – also überall in einen Technologiekurs eingebracht werden kann. Ein solcher Kurs macht nicht nur die Technologie weniger geheimnisvoll, er gibt diesen neuen Lehrern auch die Chance, ihre Schüler aktiv einzubinden.“

Möglichkeiten zu finden, Schüler aktiv einzubinden war, schon immer der Heilige Gral der Pädagogik, und für Ewan McIntosh ist dies so wichtig wie eh und je. Über NoTosh, das von ihm gegründete Beratungsunternehmen, mit dem er „den Mythos der Kreativitätsgurus ankratzen will“, hilft er Lehrkräften, die Prinzipien des „Designdenkens“, das für Startup-Unternehmen im Technologiebereich selbstverständlich ist, zu übernehmen.

Indem Schüler als Problemfinder, nicht Problemlöser, eingebunden werden, so McIntosh, können wir eine Lawine sozialer Veränderungen lostreten. „Lehrer begreifen allmählich, dass die alten Methoden nicht nur keine guten Prüfungsergebnisse hervorbringen, sondern auch junge Menschen, die einfach nicht gern zur Schule gehen“, meint er. „Ein frustrierter Schüler wird aber auch mit höherer Wahrscheinlichkeit ein frustrierter, uninteressierter Bürger, und das kostet uns mehr, als jetzt darein zu investieren, Wege zu finden, wie wir die Aufmerksamkeit der Schüler gewinnen können. Nichts aktiviert einen jedoch mehr als ein Projekt, das man selbst entwickelt hat.“

Hinter Schultoren und Universitätsmauern setzen fortschrittliche Pädagogen solche Einsichten heute in Lernräume um, die zu unserer Art, im 21. Jahrhundert zu leben und zu kommunizieren, passen. Wir können heute nur raten, wie die Zukunft aussehen wird. Aber solange die Bildung sich auf sie zubewegt, wird die Generation, die sie erleben wird, die Fähigkeiten haben, sich in ihr zu behaupten.

„Der letzte Katalysator wird es sein, wenn Lehrer Schüler von 17 oder 18 Jahren haben, die das ‚Vorher‘ nicht kennen“, meint Davidson. „Junge Menschen, die sagen ‚mir ist egal, was vorher war; dies ist die Welt, in der wir leben, dies ist die Welt, in der ihr lebt, also sehen wir, wie wir sie nutzen können‘. Wenn man einmal das ‚Vorher‘ und ‚Nachher‘ hinter sich lässt, kann man die Welt auf andere Weise verantwortlich machen – oder auch die Institutionen. Ich glaube, dass dann Veränderungen mit großen Schritten erfolgen werden.“