Datenanalyse und -visualisierung sind zu unentbehrlichen Instrumenten in Wissenschaft und Wirtschaft geworden. In den Händen einer neuen Generation von digitalen Künstlern erfahren Daten eine regelrechte Metamorphose: von der Informationseinheit zu einem faszinierenden, wunderschönen, ausdrucksstarken Medium. Aaron Koblin, Leiter des Data Arts-Teams bei Google, erklärt das Phänomen.

Lichtpunkte erhellen einen dunklen Bildschirm und wirken wie der Ausbruch eines digitalen Feuerwerks. Eine Uhr zeigt einen Countdown der Nachtstunden bis zur Morgendämmerung. Um 6 Uhr brechen über den Bildschirm jagende Lichtstreifen über die Dunkelheit herein.

Zuerst erscheinen sie chaotisch, aber nach und nach werden die vertrauten Umrisse von Amerikas Küstenlinie erkennbar. Das Land ist erwacht, der Tag hat begonnen, und Tausende von Flugzeugen sind in den Himmel abgehoben, um ihre Passagiere durch die komplexen Verflechtungen eines sich ständig vervielfachenden Lichtgewebes zu tragen. Die Rede ist von Flight Patterns, einer Visualisierung, die auf Flugzeug-Standortdaten basiert. Sie ist nicht nur visuell beeindruckend, sondern erzählt uns auch interessante Dinge über das Arbeitsleben unseres Landes.

Datenanalyse und -visualisierung sind zu unentbehrlichen Instrumenten in Wissenschaft und Wirtschaft geworden. In den Händen einer neuen Generation von digitalen Künstlern erfahren Daten eine regelrechte Metamorphose: von der Informationseinheit zu einem faszinierenden, wunderschönen, ausdrucksstarken Medium.

So zum Beispiel durch Künstler wie Ben Fry, der Daten aus dem US-Zensus für sein Werk All Streets verwendet, eine Visualisierung aller Straßen in den kontinentalen Vereinigten Staaten. Oder Robert Hodgin, der die „Magnetosphere“-Visualisierung in iTunes kreiert hat, die Musik als Datenquelle verwendet. Oder David Bowen, der mithilfe von Wellendaten kinetische Skulpturen erschafft. Und Nicholas Felton, der Daten über seine täglichen Aktivitäten sammelt – was er isst, wen er trifft, wohin er geht – um eindrucksvolle Jahresberichte über sein Leben zu erstellen. Diese Künstler sind Vorreiter datengestützter digitaler Kunst, wobei wir zugegebenermaßen noch an der Oberfläche von all dem kratzen, was möglich ist.

Technologie ist der Dreh- und Angelpunkt. Mithilfe hochentwickelter Sensoren können wir mehr Daten als je zuvor sammeln, die mit schnelleren Computern einfacher verarbeitet werden können, und neue Software und Programmiersprachen eröffnen Künstlern scheinbar unbegrenzte Möglichkeiten zur Visualisierung ihrer Arbeit. Projekte, die vor einigen Jahren noch unvorstellbar waren, werden jetzt umgesetzt. Die Endergebnisse sind wahrscheinlich in einer Galerie zu finden, jedoch sind digitale Künstler eher am Web interessiert, nicht nur als Forum, um ihre Kunstwerke auszustellen, sondern als kollaboratives Medium.

Seit meinem Abschluss des Design Media Arts-Studiengangs an der UCLA 2006 habe ich an einer Reihe von Projekten gearbeitet, die Daten als künstlerisches Ausdrucksmedium nutzen. Ich habe mit Daten aus der realen Welt gearbeitet, darunter nicht nur Fluginformationen, sondern auch Daten von Telefonverbindungen (New York Talk Exchange) und Laserscannern (House of Cards). Ich habe auch Daten aus dem Crowdsourcing genutzt, wie Zeichnungen (The Johnny Cash Project) und Soundclips (Bicycle Built for 2000).

Als Leiter des Google Data Arts-Teams nutze ich außerdem das Web, um die Technologien von Google aus der Perspektive eines digitalen Künstlers zu beleuchten. Zusammen mit Chris Milk haben mein Team und unsere Partneragentur zwei interaktive Musikvideos kreiert, die speziell für den Google Chrome-Browser konzipiert wurden. Das erste, namens The Wilderness Downtown, nutzt Google Street View, um das Erlebnis an die vom Nutzer eingegebene Adresse zu verlagern. Das zweite heißt Three Dreams of Black und setzt eine Browsertechnologie namens WebGL ein, um den Nutzer während der Erzählung der Geschichte in interaktive 3D-Welten zu versetzen.

Wir betreiben Marketing nach dem Grundsatz „Erst Magie, dann das Logo“: Wir möchten außergewöhnliche Erlebnisse schaffen, die eher in ein Museum als eine Marketingpräsentation gehören. „The Wilderness Downtown“ gewann beispielsweise 2011 den Interactive Grand Prix in Cannes und wurde später im selben Jahr in einer Ausstellung im Museum of Modern Art in New York gezeigt. Jeder Marketingverantwortliche sollte sich fragen, ob er wirklich begeistert von den Werken seiner Marke ist, und falls nicht: Wie kann er das dann von seiner Zielgruppe erwarten, die wesentlich weniger Affinität zur Marke hat?

„Wir betreiben Marketing nach dem Grundsatz „Erst Magie, dann das Logo“: Wir möchten außergewöhnliche Erlebnisse schaffen, die eher in ein Museum als eine Marketingpräsentation gehören.“

Ich wurde Datenkünstler weil ich es interessant fand, Computersimulationen auf kreative Weise zu nutzen. Als ich zur Uni ging, schufen Künstler wie Casey Reas und Marius Watz generative Kunstwerke auf Basis von Code und Mathematik, was wunderschöne und komplexe künstliche Systeme hervorbrachte. Ihre Kreationen haben mich dazu inspiriert, mit Daten aus der realen Welt zu arbeiten – mit Informationen, die wir alle kennen, die aber auch eine Geschichte erzählen, die wir möglicherweise noch nicht gehört haben oder uns eine neue Sichtweise auf die Welt geben. Im Idealfall erzählt Datenkunst dem Betrachter etwas Neues über unsere Kultur, unsere Lebensweise und Sichtweise der Welt.

Man kann davon ausgehen, dass es zu einer explosionsartigen Ausbreitung der Datenkunst kommen wird. In Zukunft liefert alles Daten. Unser Herzschlag wird aufgezeichnet. Alltagsgegenstände wie Autos und Kühlschränke werden Daten ins Internet streamen. Jedes Gerät, das Informationen verarbeiten kann, wird diese auch teilen können. Neue Formen der Kreativität warten auf jeden, der mithilfe dieser neuen Technologien alte Regeln überdenken will.

Um ein Datenkünstler zu werden, brauchen Sie nur ein wenig praktisches Grundwissen und ein Menge Vorstellungskraft. Sehen Sie sich um: Welche Daten sind verfügbar? Versuchen Sie, sie darzustellen, in irgendeiner Ihnen möglichen Form, auch nur mit Papier und Bleistift.

Wenn Sie Interesse an Computerprogrammierung haben, laden Sie die Anwendung Processing herunter und schauen Sie sich einige der Tutorials an. Sie werden überrascht sein, was Sie alles kreieren können und welche neuen Perspektiven sich Ihnen eröffnen.