Vielleicht verwandeln digitale Spiele die Hirne der nächsten Generation doch nicht in Gemüse. Tatsächlich können Spiele auch die Intelligenz fördern. Immer mehr Forscher sehen das Gehirn als Muskel, der mit kognitivem Training – oder mit anderen Worten: Spielen – in Form gebracht bzw. gehalten werden kann. Websites wie Lumosity, ein Projekt des aus San Francisco stammenden Unternehmens Lumo Labs, bieten Spiele an, mit denen kognitive Fähigkeiten angeregt und verbessert werden können. Ob im Büro, beim Sport oder einfach beim Relaxen zu Hause, Gehirntraining wird vielleicht bald schon ein fester Bestandteil Ihres Alltags sein.

In den USA wird Patienten mit einer neurologischen Erkrankung, Profisportlern und jedem, der daran interessiert ist, die Leistung seines Gehirns zu verbessern, vermehrt zu Spielen geraten. Willkommen im umstrittenen Bereich des kognitiven Trainings.

Befürwortern zufolge macht eine tägliche Dosis Computerspielen fokussierter und trainiert Erinnerungsvermögen und Gedankenschnelligkeit. Entscheidungsfindung und Problemlösungskompetenz verbessern sich. „Maßlos übertrieben“, sagen Zyniker, für die die Aussage, dass die Gehirnleistung durch Spiele verändert werden könne, eine unseriöse Fehlinterpretation der Fakten darstellt.

Was wir mit Sicherheit sagen können, ist, dass mehr als 20 Millionen Menschen regelmäßig Lumosity spielen, ein Paket aus 35 Denkspielen, das von Lumos Labs aus San Francisco für Browser und Mobilgeräte entwickelt wurde. Die Abonnenten hoffen, dass sie, indem sie gegen eine monatliche Gebühr von 10 $ virtuelle Vögel jagen und Wörter aus Buchstaben bilden, den Rückgang ihrer Gehirnleistung aufhalten können.

Lumosity, das von dem Online-Magazin Health Guidance sehr treffend als „soziales Netzwerk fürs Hirn“ beschrieben wurde, ist eine einzigartige digitale Schöpfung. In der stylishen Oberfläche (für Mobilgeräte optimierte Buttons, anschauliche Abbildungen) und umfangreichen Personalisierungsoptionen verschmilzt hochmoderne Neurowissenschaft mit vorausschauendem Design zu einem nahtlosen Online-Erlebnis.

Sobald der Benutzer ein Profil erstellt hat, kann er sein Training in Bereichen wie Tempo, Aufmerksamkeit, Erinnerung, Problemlösung und Flexibilität nachverfolgen. Lumositys Hauptaussage ist, dass es die Intelligenz verbessern kann, indem es die „kognitiven Fähigkeiten mittels Übungen fordert, bei denen sich der Schwierigkeitsgrad fortwährend an die individuelle Entwicklung des Benutzers anpasst“. Die Macher von Lumosity sagen außerdem, dass sich das Gehirn, wenn es stetig anspruchsvoller werdende Probleme lösen muss, regenerieren und effizienter arbeiten kann und so seine kognitiven Leistungen verbessert.

Wissenschaftler haben dies bei Erwachsenen bislang für unmöglich gehalten, daher ist es nur natürlich, dass diese noch junge Disziplin auf Skepsis stößt, meint Joe Hardy, VP Research & Development bei Lumos Labs. „Als ich 2002 meinen Abschluss gemacht habe, wurde uns beigebracht, dass das Gehirn relativ starr ist. Inzwischen wissen wir, dass es sehr anpassungsfähig ist“, erklärt er und bezieht sich damit auf die Wissenschaft der Neuroplastizität, die besagt, dass das Gehirn neuronale Verknüpfungen lebenslang umgestalten kann, wenn es neuen Erfahrungen gegenübersteht. „Und mit MRI-Technik kann man die Veränderungen am Gehirn, die während des Trainings stattfinden, sogar sehen.“

Früher dachten Wissenschaftler, dass das Nachlassen der Gehirnleistung durch einen Zellabbau während des Älterwerdens verursacht wird. Tatsächlich liegt das Problem aber eher beim Abrufen statt beim Speichern von Informationen, da während des Alterns auch die Dichte chemischer Botenstoffe in unserem Gehirn abnimmt. Das kognitive Training kann laut seiner Verfechter allerdings zur Ausschüttung des Neurotransmitters Dopamin führen. Mit der richtigen Herausforderung kann das Gehirn also tatsächlich schneller und effizienter werden.

Befürwortern zufolge macht eine tägliche Dosis Computerspielen fokussierter und trainiert Erinnerungsvermögen und Gedankenschnelligkeit. Entscheidungsfindung und Problemlösungskompetenz verbessern sich.

Hardy erzählt viele Geschichten von Abonnenten, die überzeugt sind, dass sie von kognitivem Training profitiert haben: Ein 23-jähriger Unternehmer, der im sozialen Umfeld Probleme hatte, Namen zu behalten, ein 34-jähriger Finanzhändler, der Lumosity nutzt, um schnellere Reflexe bei Geschäftsabschlüssen zu haben, ein 28-jähriger Boxer, der sich von einer Gehirnerschütterung erholt, ein 45-jähriger Autor, der gegen Aphasie in Folge einer traumatischen Hirnverletzung ankämpft.

Um Kritikern Gegenbeweise zu liefern, hat Lumos Labs ein „offenes Wissenschaftsmodell“ auf die Beine gestellt, das zuständigen Krankenhausärzten – darunter Psychologen, Ergotherapeuten, Logopäden und Neuropsychologen – kostenlose Testzugänge zu Lumosity im Austausch gegen Feedback über die Auswirkungen auf Patienten gab. Laut Hardy arbeitet das Unternehmen mit Forschungseinrichtungen auf vielen Kontinenten zusammen. („Uns fehlt noch eine Einrichtung in der Antarktis“, scherzt er.)

Profisportler erkennen langsam, dass das Gehirn im Grunde ein Muskel ist wie Oberschenkel und Bizeps und dass es wie jeder andere Muskel trainiert werden muss. Kognitive Bereiche wie Gedächtnis, Reaktionszeit und Koordination können trainiert werden.

Das Forschungsinstitut Neurotopia in Santa Monica unterhält ein Labor für die Extremsportler von Red Bull, in dem das Training mit „Neurofeedback“ und „EEG-Hirnkartierung“ beginnt, um Konzentration, Ausdauer, Stressbewältigung und Reaktionszeit zu messen. Auf Grundlage dieser Testergebnisse wird ein auf jeden Sportler maßgeschneidertes interaktives Videospiel entwickelt (beispielsweise eines, in dem man ein Raumschiff durch einen Hinderniskurs fliegt), das über das Gehirn gesteuert wird. Ziel des Spiels ist es, das Gehirn darauf zu trainieren, die effektive Zone zu finden, in der der Sportler konzentriert, aber gleichzeitig entspannt ist.

In North Carolina hat die RCR-NASCAR-Boxenmannschaft, die fünf Radmuttern binnen einer Sekunde abschrauben muss, gelernt, wie sie sich mit BodyWave besser konzentrieren kann. BodyWave ist ein Gerät von der Größe eines iPods, das die Mechaniker am Arm tragen und das die Neurotransmissionen misst, die durch das zentrale Nervensystem fließen, um Konzentrationsspitzen zu ermitteln. Ein ähnliches Gerät wird derzeit für Golfer entwickelt: Ein Spieler wartet vor einem Putt, bis BodyWave grünes Licht anzeigt, das volle Konzentration bedeutet.

Auch Unternehmen fangen an, die Vorteile des kognitiven Trainings am Arbeitsplatz zu erkennen, um Mitarbeitern zu helfen, „Bürosportler“ zu werden. In Melbourne haben SAP-Mitarbeiter beispielsweise eine Reihe kognitiver Tests und Trainings durchlaufen, in deren Verlauf sie gelernt haben, mit Stress und Konflikten umzugehen. Ähnliche Trainings wurden für leitende Angestellte bei der National Australia Bank, Cisco und Accenture durchgeführt.

„Die Welt wird immer komplexer und informationsreicher.Daher wird kognitives Training in alle Arten von Prozessen integriert werden, vom Gesundheitswesen über Bildungseinrichtungen bis hin zur Optimierung der Arbeitsleistung“, verspricht Joe Hardy. „In fünf oder zehn Jahren wird sich jeder mit kognitivem Training beschäftigen.“ Ganz egal, was Kritiker denken, Gehirntraining ist nicht einfach nur Gerede.