Peter Diamandis hat einen Traum: er möchte die letzte Grenze der Erde für private Unternehmen öffnen. Dies ist die Geschichte von einem Mann, der eine richtungweisende neue Ära der Raumfahrt einläutete.

Im Februar 2012 sprach Peter Diamandis auf der TED-Konferenz über das Thema, das auch seinem neuen Buch Überfluss:Die Zukunft ist besser, als Sie denken zugrundeliegt, bei dem er Mitverfasser war. Nach einer Flut von Bildern aus Negativnachrichten, die hinter ihm auf einer Leinwand erschienen - sinkende Kreuzfahrtschiffe, Hungerkatastrophe in Somalia, die schwarzen Fanfaren zur Ankündigung des Untergangs der Finanzwelt - widerlegte Diamandis die Ansicht, dass sich die Welt in einem unaufhaltsamen Strudel befinde.

In einem Zeitalter der Informationsüberflutung, erklärte er, stellen die Frühwarnsysteme unseres tierischen Gehirns schlechte Nachrichten aus Gründen des Überlebens in den Vordergrund – und so lässt sich auch die aktuelle Praxis der Medien erklären, die schlechten Nachrichten immer an erste Stelle zu setzen. Hinter den Schlagzeilen werden positive Nachrichten häufig jedoch gar nicht beachtet. Die durchschnittliche Lebenserwartung der Menschen hat sich allein im letzten Jahrhundert verdoppelt, das Pro-Kopf-Einkommen hat sich verdreifacht, und die Kindersterblichkeit ist um das Zehnfache zurückgegangen. Und durch die exponenzielle Entwicklungsgeschwindigkeit von Technologien wie der künstlichen Intelligenz, Robotik und digitalen Herstellungstechniken, so erklärt Diamandis weiter, würde die Menschheit nicht nur die aktuellen Probleme bewältigen, sondern in den nächsten zwei Jahrzehnten größere Fortschritte machen als in den letzten zwei Jahrhunderten.

Wo andere eine Krise sehen, sieht Diamandis Chancen. Das ist nirgendwo so offensichtlich wie in der Raumfahrtindustrie, mit der der 51-jährige Unternehmer und Absolvent des MIT und der Harvard University, der als Sohn griechischer Einwohner in der New Yorker Bronx geboren wurde, am häufigsten in Verbindung gebracht wird. Als das letzte Space Shuttle im Juli 2011 auf dem Asphalt des Kennedy Space Centers ausrollte, wurde der wild entschlossene Zynismus der Welt am treffendsten von einer Schlagzeile im Economist zusammengefasst, die da lautete ‘Das Ende des Raumfahrtzeitalters’. Für Diamandis dagegen war es ein Anfang: Eine Machtverschiebung aus den Klauen staatlicher Behörden in die Hände der Menschen der Welt.

„Im 15. und 16. Jahrhundert, als sich die ersten Entdecker auf den Weg über die Ozeane machten, waren die Missionen noch sporadisch und riskant”, erklärt Diamandis. „Erst später, im 17. und 18. Jahrhundert, als wir die ersten Handelsverbindungen zwischen der Neuen und Alten Welt schufen, stieg die Häufigkeit und Sicherheit dieser Missionen, und der Atlantik wurde erschlossen. Mit dem Weltraum verhält es sich ähnlich. 50 Jahre lang gab es staatliche Programme, die begonnen und wieder eingestellt wurden und uns schon früh eindrucksvoll zeigten, was möglich war. Aber erst wenn wir die Wirtschaftsmotoren ankurbeln, die den Weltraum erschließen, werden wir anfangen, den Weltraum tatsächlich zu erforschen. Für mich ist das erst der Anfang.‟

Aber erst wenn wir die Wirtschaftsmotoren ankurbeln, die den Weltraum erschließen, werden wir anfangen, den Weltraum tatsächlich zu erforschen. Für mich ist das erst der Anfang

Für Diamandis liegen die Probleme einer staatlich finanzierten Raumfahrtindustrie in der Beschränktheit aufgrund der exorbitant hohen Kosten, aber auch in der Risikoabneigung aus Angst vor bundesstaatlichen Ermittlungen und der Blamage vor der Weltöffentlichkeit, wenn etwas schief läuft. Und so vertrat die NASA die Meinung „Repariere nicht, was nicht kaputt ist” und ließ die Space Shuttle Discovery, Atlantis und Endeavour mit einem 20 Jahre alten Computerprogramm starten. Ein solches Vorgehen scheint einer neuen Generation von Unternehmern, die sowohl das Kapital als auch den Unternehmergeist haben, um die notwendigen Risiken einzugehen, undenkbar.

„Wir leben auf einem Planeten mit 1.000 bis 2.000 Milliardären, von denen viele als Kinder in den 1960er Jahren durch die Raumfahrt inspiriert wurden. Und viele von ihnen fangen jetzt an, in die Raumfahrt zu investieren“, erklärt Diamandis. „Anders als staatliche Behörden sind sie daran interessiert, rentable Geschäftsmöglichkeiten zu schaffen und Umsätze zu generieren. Da sie die notwendigen Risiken tragen, sinken die Kosten für Raumfahrten, und wenn die Kosten sinken, können sich immer mehr Personen beteiligen und neue unglaubliche Möglichkeiten erschließen. Es sind aufregende Zeiten.”

Die NASA dagegen schaffte es, durch ihre ständige Vorsicht, ihre Geheimnistuerei und ihre nüchterne Sachlichkeit die Raumfahrt langweilig werden zu lassen. (Diamandis merkt ironisch an, dass erfolgreiche Operationen eher als „nominal” anstatt als „phänomenal” betrachtet werden.) Wenn die nächste Generation die Weltraumerkundung als realisierbare Alternative zu Computerspielen betrachten soll, muss diese allen Menschen offen stehen. Genau dieses Ziel hat Diamandis mit zahlreichen Unternehmen verfolgt.

Mit seinem Unternehmen Zero G haben bereits mehr als 12.000 Menschen in einer modifizierten Boeing 747 auf einen Parabelflug den Zustand der Schwerelosigkeit erfahren können. Die Space Adventures, Ltd hat acht Touristen auf kommerziellen Flügen in den Weltraum gebracht und plant, bis 2017 zwei Astronauten auf eine kommerzielle Mondumrundung zu schicken (für 150 Mio USD pro Platz). Und die noch unausgereifte Rocket Racing League plant Rennen mit von Raketen angetriebenen Flugzeugen auf virtuellen Rennstrecken in der Luft über Wüstenstadien, ähnlich wie beim Podrennen in Star Wars.

Doch die größte Bekanntheit erlangte Diamandis mit dem X PRIZE, einem 1996 gestarteten Wettbewerb mit dem Ziel, die Raumfahrt auf ähnliche Weise zu katalysieren wie die Preise, die Anfang des 20. Jahrhunderts für Leistungen in der Luftfahrt verliehen wurden. Dabei sollte das erste private Team, dem es gelang, mit seinem eigenen Raumfahrzeug innerhalb von zwei Wochen zwei suborbitale Flüge zu absolvieren, 10 Mio USD erhalten. Diese Leistung gelang 2004 dem von Burt Ratan entwickelten und vom Microsoft-Mitbegründer Paul Allen finanzierten SpaceShipOne, was der Theorie von Diamandis vorgriff, dass die Erforschung des Weltraums nicht von Weltraumbehörden, sondern von Unternehmern angekurbelt würde, die das Kapital und den richtigen Unternehmergeist besitzen.

„Zunächst einmal wollen diese Menschen ihre Kindheitsträume verwirklichen”, sagt er. Sie wurden motiviert durch die Apollo-Missionen und die Serie Raumschiff Enterprise und erwarteten, dass die Erforschung des Weltalls viel fortgeschrittener sein würde, als sie es heute ist. Jetzt können sie es sich leisten, das selbst zu erreichen. Darüber hinaus haben viele dieser Leute ganze Industriezweige umgestaltet: Larry Page und Sergey Brin haben die Informationsindustrie mit Google umgestaltet; Jeff Bezos hat mit Amazon die Einkaufsbranche umgestaltet; Elon Musk hat mit PayPal das Banking umgestaltet. Und wenn man solche riesigen Branchen umgestaltet hat und sich anschaut, wie langsam die NASA Fortschritte macht, denkt man sich irgendwann: „Vielleicht könnte ich das besser machen.”

Und sie haben es besser gemacht. Mit SpaceX hat Elon Musk laut Diamandis in 10 Jahren Dinge erreicht, die die NASA selbst in 40 Jahren nicht erreicht hat. Die Kosten für Raketenstarts wurden auf ein Bruchteil dessen gesenkt, was Mitbewerber anbieten. Infolgedessen eröffnen sich zahllose kommerzielle und staatliche Raumfahrtmöglichkeiten. Richard Branson hat Burt Ratan mit der Entwicklung von SpaceShipTwo für Virgin Galactic beauftragt. Es könnte bereits 2013 die Vorhut eines Zeitalters des suborbitalen Tourismus bilden, das möglicherweise eine neue Generation enthusiastischer Entdecker hervorbringt.

Diamandis dagegen verbringt seine Zeit mit verschiedenen Verpflichtungen. Erst kürzlich kündigte er die Ausschreibung eines zweiten X PRIZE über 10 Mio USD an für die Erfindung eines „Tricorders” im Stil von Raumschiff Enterprise - einem handlichen Gerät, mit dem der menschliche Körper gescannt und Krankheiten erkannt werden kann. Außerdem leitet er die Singularity University, eine Einrichtung, die er mit seinem Freund Ray Kurzweil gegründet hat, und die Innovatoren, die den zukünftigen Aufgaben gewachsen sind, Studiengänge im Bereich neuer Technologien anbietet. Vor Kurzem hat Diamandis außerdem ein neues Unternehmen gegründet. Planetary Resources hat sich vorgenommen, Roboter einzusetzen, um auf Asteroiden Brennstoffe und Edelmetalle abzubauen – ein äußerst anspruchsvolles Unternehmen, das einen Einblick in die Art und Weise gibt, wie Diamandis an Projekte herangeht, für die es noch keine Standardvorlagen gibt.

„Es geht darum, Menschen zu finden, die die nötige Mischung aus Erfahrung und Entschlossenheit sowie den Willen mitbringen, sich auf unbekanntes Gebiet zu stürzen, und darum, die richtigen Investoren zu gewinnen, mit denen sich ein langfristig nachhaltiger kreativer Wirtschaftsmotor entwickeln lässt.“ Asteroid Mining ist ein gigantisches Ziel – es wird schwierig sein, doch es ist nicht unmöglich. So ist es immer bei uns Menschen: Betrachten wir nur einmal moderne Tiefseebohrungen, die jeweils zwischen 5 und 50 Milliarden Dollar kosten, und bei denen von Robotern bewohnte Städte auf dem Grund des Ozeans errichtet werden. Vor nicht allzu langer Zeit hätte man dies für unmöglich gehalten. Dasselbe gilt auch für den Weltraum: Es geht darum, das Unmögliche möglich zu machen, dass wir begreifen, dass wir so ziemlich alles erreichen können, was wir uns vornehmen, sobald wir die richtigen Menschen, die richtige Technologie und das Kapital zusammenbringen.‟