Dank Kommunikationsgeräten und mobiler Computertechnologie können wir nicht nur eine Verbindung zu anderen herstellen, sondern auch zu uns selbst. Aber wohin führt uns die Evolution des Smartphones? Dieser Artikel basiert auf einer Studie innerhalb von Google Homegrown, einer digitalen Community mit 100 Erstanwendern aus der weltweiten Google-Belegschaft.

Homegrown wurde von Googles Market Insight Team in Zusammenarbeit mit den Marktforschungsunternehmen Brainjuicer und Contagious Insider, der Beratungsabteilung der Zeitschrift Contagious, ins Leben gerufen.

Das Smartphone ist nicht mehr nur ein Kommunikationsgerät, sondern unser persönlichster Computer. Während anfangs der Vorteil darin bestand, einen Kanal zu bieten, der Zugang zu persönlichen Kontakten liefert, haben Zusatzfunktionen in Form von Apps und dem mobilen Netz dafür gesorgt, dass Smartphones nur zu einem kleinen Teil für die Kommunikation genutzt werden. Smartphones verbinden uns nicht mehr nur mit anderen Menschen. Da die Funktionen komplexer, individualisierbarer und persönlicher geworden sind, verbinden sie uns auch mit uns selbst.

Die Homegrown-Community setzt sich aus Google Mitarbeitern aus 19 Ländern zusammen. Einen Monat lang haben sie sich online getroffen, um darüber zu diskutieren, was ihr Smartphone ihnen bedeutet und was wir von der Nutzung des Smartphones in unterschiedlichen Kulturen in Bezug auf Unterschiede und ungeahnte Ähnlichkeiten lernen können. Die Community hat beispielsweise herausgefunden, dass in drei Märkten – Japan, Brasilien und Kenia – sehr fortschrittliche Systeme für Mobile Commerce existieren, obwohl die Märkte ansonsten hinsichtlich der technologischen Entwicklung kaum Gemeinsamkeiten aufweisen. Das übergreifende Thema? Egal, ob uns unser technologisches Interesse, die Bevölkerungsdichte oder die reine Notwendigkeit dazu bringt – es besteht kein Zweifel, dass wir unsere Smartphones für immer unterschiedlichere und individuellere Funktionen nutzen.

Die andauernde Metamorphose des Smartphones, das sich von einem Gerät mit nur einem Nutzen in einen multifunktionalen, selbstreflexiven Schmetterling verwandelt hat, geht auf die ersten Kamera-Smartphones zurück – als Grundlage diente die revolutionäre Idee, dass ein Gegenstand, den wir für die Kommunikation verwenden, auch ein nützliches Hilfsmittel für andere Zwecke sein könnte.

Aber es waren die Entwicklung des Drittanwendungssystems und die darauffolgende Kreativität in Umgebungen wie dem Android Market, die immer mehr Funktionen ermöglichten. Heute verwenden wir Smartphones für alles: vom Zugriff auf Navigations- und Transportdaten über die Suche nach Sportergebnissen und Rezepten bis hin zu Spielen wie Angry Birds oder der Verwaltung unserer persönlichen Finanzen.

Dank der höheren Funktionalität gibt es auch mehr Optionen zur individuellen Anpassung des Smartphones. Während früher Veränderungsmöglichkeiten noch auf einen modischen Bildschirmhintergrund oder den Lieblingsklingelton beschränkt waren, gibt es heute zahllose Apps und Funktionen, mit denen man sein Smartphone personalisieren kann. Und da die Smartphones immer komplexer und individueller werden, können wir sie in digitale Selbstporträts verwandeln, die sowohl persönlich als auch sozial sind.

Sherry Turkle ist Direktorin der MIT Initiative on Technology and Self und Autorin mehrerer Bücher über die „subjektive Seite“ im Verhältnis des Menschen zur Technologie. Eines der Bücher ist „The Second Self: Computers and the Human Spirit“, das 1984 das erste Mal herausgegeben wurde. „Als ich Second Self schrieb, erkannte ich, dass Computer auf verschiedene Arten als eine Erweiterung unseres Ichs gesehen werden können“, sagt sie. „Mit dem Smartphone sind wir noch einen Schritt weiter gegangen. Wir können unsere Smartphones entsprechend unserer Interessen und Hobbys anpassen, egal ob wir Feinschmecker, Gamer oder Partygänger sind. Das führt dazu, dass Technologie so gestaltet wird, dass sie zum Spiegelbild von einem selbst wird.“

Bei der Weiterentwicklung der Mobiltechnologie müssen wir uns bei jeder zusätzlichen Funktionalität ständig fragen, ob sie nicht nur nützlich ist, sondern auch einen menschlichen Zweck erfüllt.

Und der Bedarf zur Personalisierung wird sogar noch größer, weil die, die sich schon früh auf die Mobiltechnologie eingelassen haben, nun lautstark verlangen, dass diese Digitalgeräte Probleme lösen, mit denen sie im Alltag konfrontiert werden. „Ich hätte gern mehr Apps, die mir den Alltag erleichtern: Rechnungen bezahlen, auf das Online-Banking zugreifen, Kreditkartentransaktionen verfolgen und so weiter und so fort“, meinte ein Homegrown-Teilnehmer. Und so macht das Smartphone eine zweite Metamorphose durch und verwandelt sich nun in einen Alleskönner.

Der Wunsch, mehr von unserem Alltag in unser Smartphone zu packen, erklärt vielleicht teilweise, warum die Benutzer so viel über die Akkuleistung nachdenken und sie immer noch nicht für ausreichend halten, obwohl sich in diesem Punkt sehr viel getan hat. Damit müssen die Hersteller von Geräten und Apps sich permanent auseinandersetzen. Early Adopters wie diejenigen von der Homegrown-Community nehmen die Dinge gern selbst in die Hand und entwickeln ausgeklügelte Systeme, um die Akkuleistung zu verbessern. Mit Hilfe verschiedener Apps von Dritten ist es ihnen gelungen, WLAN- und 3G-Verbindungen zu verwalten, stromfressende Apps temporär abzuschalten und die Displayhelligkeit zu verändern. Dennoch behaupten sie immer noch, sie müssten ihr Smartphone jede Nacht aufladen.

In der Zwischenzeit nimmt das Smartphone einen amorphen Platz ein, der Arbeit, Familie und Sozialleben umfasst. Benutzer definieren Grenzen und regeln selbst, wer über welchen der vielen im Smartphone zur Verfügung stehenden Kommunikationskanäle kontaktiert wird. Manche von uns chatten berufsbedingt, andere mit Freunden. Kollegen auf der Arbeit werden nur per E-Mail kontaktiert – und niemals angerufen. Die Familie kriegt eine SMS oder wird sehr selten angerufen. „Ich nutze die Chat-Funktion auf dem Weg zur Arbeit“, erklärte ein Homegrowner. „IM ist großartig, um auf den neusten Stand zu kommen, und hilft mir beim Multi-Tasking. Ich kann nicht gleichzeitig sechs Telefonate führen, aber mit sechs Leuten chatten.“

Wichtig ist dabei, dass diese Fragmentierung der Kontaktmöglichkeiten beidseitig funktioniert. Da neue Kanäle nebeneinander existieren (anstatt einander zu ersetzen), bedeutet dies, dass es zwar mehrere Möglichkeiten zur Kommunikation mit einer bestimmten Person gibt, aber dass der Zugang zu diesen Kanälen mehr – oder weniger – exklusiv stratifiziert und gerendert werden kann. Einen Twitter-Handle zu teilen oder eine Telefonnummer, ist eine Sache, aber die BlackBerry Messenger PIN von jemanden zu kriegen, ist etwas ganz anderes.