Zu Beginn des Jahres fegte der Arabische Frühling durch den Nahen Osten und Nordafrika. In Ägypten war der Antrieb dafür ein einzigartiges Zusammenspiel von Menschen und Technologie. Einer der Menschen, die in die Proteste verwickelt wurden, war Googles Wael Ghonim, der unabsichtlich einer der Anführer des Aufstands von 2011 wurde. Hier spricht er darüber, wie das Internet die Rolle der traditionellen Medien übernahm und zu einem der Auslöser der Revolution wurde.

Wenn man die symbolträchtigsten Bilder der ägyptischen Revolution heraussuchen soll, ist die Auswahl groß. Es ist schwer, die schockierenden Bilder der Schläger auf Kamelen zu vergessen, die friedliche Demonstranten am Tahrir-Platz attackierten, oder, einige Wochen später am selben Ort, die Umarmungen, das Lachen, die Fahnen und das Feuerwerk nachdem Hosni Mubarak nach drei Jahrzehnten an der Macht abgedankt hatte. Aber das vielleicht eindrucksvollste Bild ist ein verschwommenes Standbild einer Fernsehsendung – eine Nahaufnahme eines Mannes, der auf einem Sofa sitzt und weint.

Der Gast in der populären, aber gewöhnlich unpolitischen Talkshow Al Ashira Masa’an von Mona el-Shazly an diesem 7. Februar war eben erst aus dem Gefängnis entlassen worden. Nach 12 Tagen in Haft war Wael Ghonim müde und verletzlich, beschwor wiederholt seine Loyalität zu seinem Land und versicherte eindringlich, dass Ägyptens Revolutionäre friedliche Menschen mit aufrichtigen Absichten seien. Als man ihm Fotos von Menschen zeigte, die von regierungsfreundlichen Kräften getötet worden waren, brach er zusammen und weinte.

„Ich möchte jeder Mutter und jedem Vater, die einen Sohn verloren haben, sagen, dass es mir leid tut, aber es ist nicht unsere Schuld“, sagte er mit brechender Stimme. „Es ist die Schuld derer, die sich so lange an die Macht geklammert haben und sie nicht loslassen wollen.“ Wenige Augenblicke, nachdem er die Bühne verließ, war eine Nachricht auf Twitter im Umlauf: „Ägyptisches Regime wird live im TV von Tränen eines 30-Jährigen ramponiert.ʻ“ Eine Viertelmillion Menschen trat einer neuen Gruppe auf Facebook bei: „Ich bevollmächtige Wael Ghonim, im Namen der jungen ägyptischen Revolutionäre zu sprechen.“ Er dachte aber nicht daran, ihr Anführer zu werden.

Sechs Monate nach seinem Interview auf Dream TV befindet sich Ghonim, ein Google Marketing Manager, der derzeit auf Sabbatical ist, in einem Apartment in Al Rehab, 20 Minuten entfernt vom Zentrum Kairos. Er spricht mit Überzeugung davon, wie die Revolution geschah und warum sie notwendig war. Aber mit noch größerer Überzeugung spielt er seine eigene Rolle im Aufstand herab.

Das war keine Revolution mit einem einzelnen charismatischen Anführer. Es war eine führerlose Bewegung, die das Internet nutzte, um Millionen von Ägyptern aufzurütteln. Aber alles begann mit dem Tod eines einzelnen Mannes.

Im Sommer 2010 wurde der 28-jährige Khaled Said in Polizeigewahrsam getötet. Die Fotos seines Leichnams kursierten online und wurden zum Symbol der allgegenwärtigen Brutalität der Polizei. Als Reaktion richtete Ghonim zusammen mit zwei anderen unter dem Pseudonym „El-Shaheeed“ („Der Märtyrer“) eine Facebook-Seite namens „Wir alle sind Khaled Said“ ein. Sie wurde bald zum Angelpunkt für die wachsende Unzufriedenheit.

Auf dieser Seite wurden die ersten „Schweigeaufmärsche“ organisiert, politische Flashmobs, die eine deutliche Botschaft an die Machthaber senden sollten. Teilnehmer, welche die Details von Facebook kannten, standen fünf Meter voneinander entfernt, um ein herrschendes Demonstrationsverbot zu umgehen. Sie standen einige Minuten still und gingen nach Hause, ohne ein Wort zu sagen. Innerhalb weniger Wochen breiteten sich die Proteste auf Städte und Ortschaften in ganz Ägypten und der arabischen Welt aus.

„Es war der Beweis, dass man das Internet auf die Straße verlagern konnte“, sagt Ghonim, der rasch das Potenzial des Internets als Mobilisierungsinstrument erkannte. „Viele politische Analysten, vor allem im Westen, sind der Ansicht, dass das Internet Bewegungen vor Ort nichts nützt; dass es zwar Kontakte zwischen vorher bestehenden Gruppen erleichtern kann, aber dass eine virtuelle Gruppe nicht den Sprung in die Wirklichkeit schafft. Wir haben bewiesen, dass das falsch ist.“

Als die Bewegung immer mehr in Fahrt kam, überlegten die Berater von Mubarak, das soziale Netzwerk zu sperren, was nach Ansicht von Ghonim ein schwerer Fehler war. „Wenn man Menschen den Zugang zu Facebook verbietet, zeugt das von Angst“, sagt er. Genau das passierte am 27. Januar, als das Regime schließlich den Zugang sperrte, zwei Tage nachdem Ghonim eine riesige Demonstration am Tahrir-Platz organisiert hatte.

„Das Verbot von Facebook am 27. Januar hat uns geholfen“, gibt er zu. „Es hat uns gezeigt, dass die Menschen stark waren und das Regime Angst hatte, deshalb sind mehr Leute auf die Straßen gegangen. An diesem Punkt waren viele Leute, welche die Ereignisse nur beobachtet hatten, auf einmal überzeugt, dass sie selbst Teil des Geschehens sein mussten, und andere, die sich gefürchtet hatten, wurden zuversichtlicher, weil sie sahen, dass das Regime schwächer als befürchtet war. Am 27. Januar tweetete ich, dass eine Regierung, die sich vor Facebook und Twitter fürchtet, besser ein Land wie Farmville regieren sollte. Wenn sie sich vor ihren eigenen Leuten fürchtet, macht sie etwas falsch.“

Durch die Ereignisse in Tunesien ermutigt, wo Präsident Ben Ali kürzlich abgesetzt worden war, begannen die ägyptischen Aktivisten nun von Revolution statt von Reform zu reden. „Ich fragte die Leute auf der [Facebook-]Seite, ob wir Hunderte und Tausende auf den Straßen mobilisieren könnten“, erinnert sich Ghonim, „und die Kommentare lauteten ,Tun wir es!ʻ und ,Wir sind bereit zu sterben!ʻ“ Andere Aktivistengruppen in Ägypten schlossen sich ihren Protesten an. Es sollte eine gemeinsame Machtdemonstration werden, mehr als nur eine weitere Protestkundgebung.

Am 25. Januar gingen 50.000 Menschen in ganz Ägypten auf die Straßen. Innerhalb von vier Tagen stieg diese Zahl auf rund eine Million. Am Abend des 27. Januar tweetete Ghonim: „Es scheint, dass die Regierung morgen ein Kriegsverbrechen gegen die Bevölkerung plant. Wir sind alle bereit zu sterben.“ Am folgenden Morgen, als er in ein Taxi steigen wollte, wurde er von Sicherheitskräften abgeführt.

Die Behörden hatten zwar einen Mann hinter Gittern, aber mittlerweile hatte die Revolution ein Eigenleben entwickelt. „Am 25. Januar war die Facebook-Seite wichtig“, sagt Ghonim, „aber ab 28. Januar hatte ich keine Kontrolle mehr darüber. Es gab keine zentrale Organisation, niemand sagte den Leuten, was sie tun sollen.“

Das Internet hat eine wichtige Rolle als Auslöser des ersten Geschehnisses gespielt. Ohne das wäre [der Erfolg] schwer möglich gewesen.

Als der Aufstand anschwoll, bewahrheitete sich seine Twitter-Prognose –- der Staat setzte Gewalt ein. Zum Zeitpunkt des TV-Interviews kehrte der Angstfaktor langsam zurück. Mubarak war bereit zu kämpfen und die Menschen machte die Aussicht auf eine lange Zeit der Instabilität in einer bereits schwächelnden Wirtschaft nervös.

Aber in diesem Interview konnte Ghonim die breite öffentliche Meinung für sich gewinnen und verlieh einer immer breiter werdenden Bewegung noch mehr Legitimität. Die Stimmung in Ägypten fing an, umzuschlagen. Man musste kämpfen, bis Mubarak zurücktrat.

Wie wichtig erscheint ihm im Rückblick die Rolle der Technologie bei der Revolution? Hätte das ägyptische Volk noch vor nur zehn Jahren Erfolg gehabt? „Vor zehn Jahren waren die Menschen noch nicht so wütend wie heute“, antwortet Ghonim, „aber das Internet hat sicher eine wichtige Rolle als Auslöser des ersten Geschehnisses gespielt – und ohne das wäre [der Erfolg] schwer möglich gewesen. Der Gedanke war, dass, wenn tausende Menschen die Angst abschütteln, ihnen zehntausende folgen und dann hunderttausende und dann Millionen. Die Frage war, wie bekommt man ohne Zugang zu den traditionellen Medien [zur Verbreitung der Botschaft] tausende Menschen auf die Straßen. Das Internet hat die Rolle der traditionellen Medien übernommen und eine wichtige Rolle als Auslöser der Revolution gespielt.“

Obwohl er die Bedeutung von Facebook und Twitter anerkennt, ist Ghonim dennoch vorsichtig bei der Einschätzung ihrer Rolle in künftigen Aufständen. „Ich glaube, dass die Technologieunternehmen eine neutrale Haltung einnehmen sollten“, sagt er. „Sie sollten nicht ,Xʻ gegenüber ,Yʻ bevorzugen, auch wenn ,Yʻ klar böse und ,Xʻ gut ist. Es ist am besten, den Menschen die Technologie zu geben und sie es unter sich ausmachen zu lassen. Man braucht ihnen nicht zu sagen, was sie zu tun haben. Deswegen waren wir auch erfolgreich.“

Als er aufsteht, um zu gehen, bleibt gerade noch Zeit, um ihn nach der Kehrseite der sozialen Medien zu fragen, das, was Jewgeni Morosow die „dunkle Seite der Internetfreiheit nennt“, die Möglichkeit, sie als Instrument der Kontrolle und Desinformation zu verwenden. Vielleicht wenig überraschend bleibt Ghonim optimistisch und zeigt den Utopismus des Silicon Valley, der zum Symbol seiner Generation geworden ist. „Im 21. Jahrhundert bedeuten mehr Einschränkungen mehr Angreifbarkeit“, erklärt er. „Je offener man ist, desto besser. Auf lange Sicht ist die Vorstellung von der Kontrolle des Internets eine unhaltbare Ideologie.“