Mit 3D-Technik verbinden wir heute Filmeffekte und bescheuerte Brillen. Sie entwickelt sich aber rasant weiter. Diverse Branchen und Marketer nutzen 3D-Technologie, um informative und fesselnde Konsumerlebnisse zu schaffen und haben damit offensichtlich Erfolg. 360°-Rundumansichten von Produkten steigern die Konversionsraten und können Aufschluss darüber geben, wie die Nutzer ein Produkt begutachten. Die zunehmende Verfügbarkeit von 3D-Drucken und somit von individualisierten Produkten wird das Konsumerlebnis in einer Art und Weise revolutionieren, wie wir sie seit dem Aufkommen der Massenfertigung nicht mehr gesehen haben.

Als James Camerons blau-bevölkerte Mammut-Produktion Avatar 2010 zum Kassenschlager wurde, hatten viele darin ein Zeichen für den Beginn eines neuen technologischen Zeitalters gesehen. Die dritte Dimension war gekommen. Zwei Jahre später bleibt die Zukunft von 3D ungewiss. Viele empfinden das Phänomen als kurzlebige Modeerscheinung, was die unzähligen effekthascherischen 3D-Nachbearbeitungen von Filmen zu bestätigen scheinen, die das Kinoerlebnis nur im Sinne des Eintrittspreises verstärkt haben.

Kino ist jedoch nur ein Teil der 3D-Geschichte. Wenn wir uns umsehen, scheint die Technologie nicht nur zu bleiben, sondern auch großen Einfluss auf unsere Interaktion mit der Welt zu haben. Aktuelle Innovationen – nicht nur im Unterhaltungsbereich, sondern auch in der Mode-, Werbe-, Fertigungs- und Technologiebranche – deuten darauf hin, dass 3D-Interaktivität den Weg von unseren Bildschirmen in unsere Hände schafft.

Um die wahre Reichweite der 3D-Revolution zu erfassen, müssen wir deshalb weiter schauen als bis zu den zunehmend beliebten 3D-Fernsehern oder technischen Spielereien wie dem Nintendo 3DS und dem HTC Evo 3D-Smartphone. Auch andere Branchen beginnen, das kreative und kommerzielle Potential der dritten Dimension auszuschöpfen, oft mit faszinierenden Ergebnissen.

Modedesignerin Norma Kamali ist bekannt als einer der innovativsten Köpfe der Branche. Nur selten unterläuft ihr ein Fehltritt. Ihre aktuellste innovative Idee ist der Einsatz von 3D-Technologie, um ihre neuesten Kreationen digital zu präsentieren. Die Webseite für ihre Frühjahrskollektion enthält ein achtminütiges Video und ein Lookbook zum Herunterladen, und zwar in einwandfreier 3D-Qualität. Stereoskopische Aufnahmen präsentieren Kamalis Kreationen in einer Form, die sowohl spannend als auch verblüffend schön ist und das Laufstegerlebnis direkt in Ihr Wohnzimmer bringt.

„Die Integration von 3D-Technologie in Werbeformate ist der nächste sinnvolle Schritt, da sie Nutzern eine umfassende Ansicht von und Interaktion mit den Produkten ermöglicht.“

Die Vorteile von 3D werden nun in Werbekampagnen für Produkte aller Art genutzt. Ganze Städte werden neuerdings zur Bühne für gebäudegroße 3D-Projektionen und in virale Marketingaktionen von Unternehmen wie Nokia eingebunden. Im November versetzte das Unternehmen das Londoner South Bank-Viertel in Staunen mit seiner effektvollen Projektion zur Markteinführung des Nokia Lumia. 2010 präsentierte LG seine 3D Optimus One-Technologie im Gebäudekomplex der Kulturbrauerei in Berlin und verwandelte dabei praktisch ein ganzes Gebäude in einen Google Android-Avatar.

„Der Zweck der Aktion war, die Optimus-Marke von LG mit etwas Einzigartigem, Innovativen und auch Ausgefallenen zu verbinden”, erklärt Kenneth Hong, Director of Global Communications bei LG. „Wir waren nicht sicher, wie gut sich das Konzept umsetzen ließ, da wir so etwas noch nie zuvor gemacht hatten, aber die 3D-Effekte haben wirklich funktioniert und alle hatten Spaß an der Projektion. Anfangs waren wir uns nicht sicher, ob der ROI besonders gut würde, aber im Laufe der Zeit hat sich die Initiative als großartige Investition herausgestellt, da sie lange nachwirkte.“

Im kleineren, anwenderorientierten Rahmen werden 3D-Modelle eingesetzt, um die Interaktion von Tablet-Nutzern mit Werbeanzeigen zu verändern. Ein Beispiel ist das Onlinemedien-Startup Cooliris, deren aktuelle Werbeanzeigen für das iPad interaktive 3D-Modelle für Produkte aller Art nutzen – von Mobiltelefonen bis zu BMWs. Soujanya Bhumkar, Mitgründer und CEO von Cooliris, glaubt, dass die visuell eindrucksvolle 3D-Technologie über den Status der Spielerei hinauswächst, da sie eine interaktive, anwendergesteuerte Begegnung ermöglicht, die andere Anzeigen nicht bieten.

„Sie können das Produkt wirklich anfassen, fühlen und mit ihm herumspielen. Sie bestimmen, was Sie erleben möchten“, sagt Bhumkar. Die Technologie von Cooliris kann auch nachverfolgen, wie Nutzer mit den Werbeanzeigen interagieren, was Aussagen über die meistuntersuchten Teile oder Funktionen des Produkts zulässt und somit Kunden einen einzigartigen Einblick in die Konsumentenwünsche gibt.

„Ein Bilderlebnis in 3D kann sehr positiv für Verbraucher sein“, sagt Sidney Chang, New Business Development Manager bei Google. Deshalb werden 360-Grad-Ansichten und -Videos üblicher auf Websites von Händlern, die dadurch häufig höhere Konversionsraten erzielen. „Die Integration von 3D-Technologie in Werbeformate wäre der nächste sinnvolle Schritt, da sie Nutzern eine umfassende Ansicht von und Interaktion mit den Produkten ermöglicht“, erklärt er. Diese zusätzliche Ebene von Realismus sorgt für ein vielschichtigeres Erlebnis. Wenngleich laut Chang die 3D-Technologie im Zuge ihrer weiteren Entwicklung immer häufiger eingesetzt werden wird, sieht er auch einige Herausforderungen: „Nutzer sind die Interaktion mit 3D-Bildern nicht gewohnt, deshalb muss das 3D-Design selbst die Nutzer zur Interaktion animieren.“

Ein weiteres Argument für den zukünftigen Einsatz von 3D-Werbekampagnen ist die Einfachheit der heutigen 3D-Modellierung. Während die Technologie früher nur hochprofessionellen Branchenprofis zugänglich war, macht Software wie Google SketchUp (die 2000 in Colorado vom Startup @Last Software entwickelt und 2006 von Google gekauft wurde) 3D-Tools für alle verfügbar.

SketchUp bietet eine einzigartige und intuitive „Push/Pull“-Oberfläche, die die Software zu einem einfach zugänglichen 3D-Problemlösungs-Tool für Architekten, Ingenieure, Spieleentwickler, Filmemacher und sogar Amateurdesigner macht. In Googles 3D-Galerie haben Nutzer außerdem die Möglichkeit, ihre Modelle hochzuladen und mit dem Rest der Welt zu teilen.

Für Marketing Manager Gopal Shah liegen die Vorteile der 3D-Modellierung auf der Hand: „Sie können etwas zeichnen und es dann schnell und einfach drehen und von vorne, hinten oder jedem beliebigen Blickwinkel anschauen. Ein 3D-Modell enthält alle Informationen, für die Sie früher eine Menge einzelner Zeichnungen gebraucht hätten.”

Die Software ist mit Millionen von Nutzern sehr erfolgreich und revolutioniert bereits das Innendesign. Sie könnte auch große Vorteile für Einrichtungshäuser bringen. Händler können kostenlos nutzbare Modelle ihrer Produkte in die 3D-Galerie hochladen und so Kaufinteressenten ermöglichen, die Produkte vor dem Kauf auszuprobieren, indem sie sie virtuell in eine digitale Version ihres Wohnzimmers stellen.

Natürlich müssen die mithilfe von 3D-Modellierung erstellten Kreationen weiterhin physisch hergestellt werden. Es ist ja schön und gut, ein Modell seines Traumtisches bauen zu können, aber besser wäre es doch, an dem Tisch essen zu können. An dieser Stelle kommen die 3D-Drucktechnologien ins Spiel, die schon seit den 1980er Jahren existieren, aber erst heute wirklich erschwinglich werden.

Dank der beträchtlichen Fortschritte ist es für den Normalbürger heute wesentlich einfacher, online zu gehen und einzukaufen oder eigene Inhalte zu erstellen. Die nötigen Hilfsmittel sind auch ohne technischen Universitätsabschluss zu verstehen.

Anstatt Tinte auf Papier zu drucken, sprühen 3D-Drucker ein physisches Replikat eines digitalen Modells in Form von feinen Lagen eines flüssigen Materials, welches dann erstarrt. Buddy Byrum arbeitet beim Branchenführer 3D Systems und sieht den 3D-Druck kurz vor dem großen Durchbruch. Das Unternehmen glaubt fest daran, die Technologie für jeden erschwinglich machen zu können und hat kürzlich die beiden 3D-Druckunternehmen Z Corp und Vidar Systems übernommen.

„Schauen wir uns nur die Entwicklung der 2D-Fotografie an. Vor zwanzig Jahren konnte man mit einem Fotodrucker zu Hause nicht viel anfangen, da digitale Kameras noch nicht weit verbreitet waren. Analog verhält es sich heute mit dem 3D-Druck.“ Das wird sich aber ändern, wie er sagt. „Der heutige Fortschritt ist explosionsartig. Es wird immer einfacher für den Durchschnittsverbraucher, online einzukaufen oder eigene Inhalte zu kreieren, und zwar mit Tools, die kein Ingenieursdiplom erfordern.“

Nehmen wir an, dass Sie beispielsweise eine neue Vase für Ihr Wohnzimmer suchen. Sie können sich heute bei SketchUp anmelden, Ihr eigenes Modell erstellen und an ein Unternehmen wie 3D Systems schicken, das es für Sie „entwickelt“. Einige Tage später wird Ihnen die Vase ins Haus gebracht. Einzigartig. Individuell. Ihre eigene Kreation. Wenn es der 3D-Druck letztendlich in die Haushalte schafft – woran Byrum keinen Zweifel hat – wird der Prozess sogar noch einfacher werden. Es ist gut möglich, dass wir unsere Kleidung, eigene Möbel und Werkzeuge drucken werden. Das würde ein ganz neues Design- und Konsumerlebnis bedeuten, mit dem wir die Individualisierungsmöglichkeiten zurückerhalten, die im Zeitalter der Massenfertigung abhanden gekommen sind.

Der Aufstieg von 3D-Technologien hat gerade erst begonnen. In den vergangenen 150 Jahren haben wir den Wechsel vom Standbild zum bewegten Bild erlebt, vom Stummfilm zum Sounderlebnis und von monochrom zu Technicolor. Jede dieser Revolutionen wurde anfänglich als Spielerei abgetan, bevor sie sich in aller Welt durchsetzten. Jetzt ist die dritte Dimension an der Reihe. Die Technologie wird sich weiterentwickeln und verfügbarer werden und dadurch den Alltag der Generation unserer Kinder verändern: auf der Arbeit, beim Spielen, Lernen und Bauen.