Wenn der Fan vom Wohnzimmer aus Sportereignisse in HD-Qualität verfolgt, als wäre er live dabei, wer soll dann noch Eintrittskarten für das Stadion kaufen? Da sich Technik verbessert, muss auch die Sportindustrie besser auftreten. Sportstadien implementieren digitale Upgrades, um Fan-Teilnahme zu fördern und zu einem verbesserten Live-Spiel-Erlebnis beizutragen. Von next-generation-Fußballstadien bis hin zu Fan-konzentrierter digitaler Technik und Echtzeit-3D-Umgebungen: Das ist die Zukunft des Live-Action-Sports.

Das antike Stadion war ein großer Tempel für die Götter des Wettbewerbs. Sie sollten Ehrfurcht einflößen, inspirieren und unsterblich machen. Die Zeiten haben sich allerdings geändert. Das Motto der Sommerspiele in London war 'Reduce, Reuse, Recycle' und das umweltfreundliche Zentralstadion wurde aus umfunktionierten Gasleitungen, kohlenstoffarmem Beton und austauschbaren Teilen gebaut.

Das Stadion der Zukunft ist eine Mischung aus Technik und Nachhaltigkeit und wird die Art, wie wir das Geschehen vor uns wahrnehmen, radikal verändern, egal ob auf dem Fußballplatz, in der Leichtathletikarena oder auf dem Baseballplatz.

Mit dem Entwurf von Albert Speer & Partner, die das erfolgreiche Stadion für die Fußball-WM 2022 in Katar planten, kann man einen Blick in diese Zukunft werfen. Jede der 12 vorgeschlagenen Strukturen ist wunderschön konzipiert: vom Doha Port Stadion, das von oben wie ein einäugiger Meeresgott aussieht und vom Golf umgeben ist, bis hin zur kunstvoll schrägen Holzkrone des Al-Shamal Stadions, welches das 'Dhow', ein traditionelles Fischerboot, symbolisiert, das man in den angrenzenden Gewässern findet.

Aber das ist nicht nur Augenschmaus. AS&P stellte soziale Nachhaltigkeit in den Mittelpunkt seiner Pläne: Von der Prüfung der nahe gelegenen Wohngebiete, die von Solarkraftwerken für die Kühlung der Stadien profitieren können, bis hin zu neuen Einkaufsvierteln und Themenparks, die an mehreren Standorten geplant werden. Rund 70.000 der geplanten Sitze sind abnehmbar, damit die Stadien nach dem einmonatigen Wettbewerb verkleinert werden können. Es wird keine teuren weißen Elefanten geben, die die letzten Weltmeisterschaft in Südafrika nachträglich in ein schlechtes Licht rücken.

Die Designs reflektieren bestimmte Elemente eines der erfolgreichsten europäischen Stadien der Neuzeit - die futuristische Allianz Arena in München, die bei Bundesligaspielen zu 90 bis 100 Prozent ausgelastet ist, und das dank einer Reihe von Maßnahmen, die auch Fußballfans ins Stadion bringen, die bisher nicht an Livespielen interessiert waren. Dazu gehören Unterhaltungskomplexe, Bereiche für Unternehmen und Sicherheitsmaßnahmen, die rivalisierende Teams trennen.

„In der letzten Zeit gehe ich mit meinem sechsjährigen Sohn zu den Spielen“, sagt Axel Bienhaus, Partner bei Albert Speer. „Das wäre damals für meine Eltern undenkbar gewesen. Fußballspiele waren damals für Kinder viel zu grob. Aber jetzt sind es Familien und Firmenkunden, die den Ticketverkauf wieder ankurbeln. Traditionelle Fußball-Fans sollen nicht denken, dass ihnen ihre Stadien weggenommen werden: Sicherheitsmaßnahmen und VIP-Einrichtungen sind bei effektiver Gestaltung unsichtbar für die Durchschnittsperson auf den Tribünen. Natürlich brauchen es weiterhin den traditionellen Fußballfan, um bei den Spielen die Atmosphäre am Leben zu erhalten.“

Ziel ist es, den Fans etwas zu bieten, das sie zu Hause nicht bekommen, wo das Fernseherlebnis durch High Definition, 3D und die Magie der Multi-Winkel-Wiedergabe revolutioniert wurde.

„Die Herausforderung ist hier dieselbe wie bei Konzerthallen“, sagt Bienhaus. „Wenn Musikliebhaber das Sound-System zu Hause haben, das besser als eine Live-Performance klingt, müssen die Organisatoren hart daran arbeiten, die Atmosphäre so zu gestalten, dass es sich doch noch lohnt, Tickets zu kaufen. Genauso ist es, wenn Fußball-Fans High-Definition-Spiele im Wohnzimmer haben. Dann ist es unsere Aufgabe, sie davon zu überzeugen, dass keine Technik die Atmosphäre in einem echten Fußballstadion ersetzen kann. Ich denke, der Erfolg der Allianz Arena beweist, dass wir hierbei gewinnen.“

Allerdings geht nicht jeder im Geschäft davon aus, dass die reine Macht des Live-Sports stark genug ist, um die Konkurrenz digitaler Medien zu überleben. Einige, wie beispielsweise Asim Pasha vom Technologieunternehmen Sporting Innovations in Kansas, glauben, dass der einzige Überlebensweg der Stadien sei, mehr Elemente der digitalen Erfahrung in traditionelle Spiele mit Ticketverkauf einzubauen.

Daher installiert Sporting Innovations digitale Upgrades für Stadien rund um die Welt und hofft, somit die langfristige Beziehung zwischen Fans und Teams zu fördern. Die herkömmliche Idee, dass Spiele mit dem An- / Abpfiff des Schiedsrichters beginnen und enden, gehört somit der Vergangenheit an und Fans sind mehr als nur Zuschauer.

„Der erste Schritt ist, Fans dazu verhelfen, eine dauerhafte Beziehung zu ihrem Team aufzubauen“, sagt Pascha. „Hierfür benötigen sie genügend Informationen, damit sie sich mit den Spielern in einer sinnvollen Weise auseinandersetzen können und ihnen helfen zu verstehen, warum Spiele wichtig sind. Sobald sie im Stadion sind, können wir ein persönlicheres Erlebnis bieten: Wir wissen, wo sie gerne sitzen, welche Produkte sie zuletzt gekauft haben, zu welchen Zuschauergruppen sie gehören.

„Im Laufe der Zeit werden Vereine in der Lage sein, Produkte oder Dienstleistungen an den einzelnen Fan anzupassen, und bald werden wir ständig mit dem Fan verbunden sein, damit er konstant eingebunden ist und für seine Teilnahme belohnt wird. Es geht darum, Fans zu helfen, das Live-Sport-Erlebnis der Zukunft mit zu prägen. Es geht um VIP-Erfahrungen für alle, egal wo sie sitzen.“

Bis zur letzten Phase dauert es, laut Pasha, noch drei bis fünf Jahre. Obwohl die durch Sporting Innovations entwickelte Technik in einer Branche, die nicht gerade dafür bekannt ist, neue Ideen begeistert aufzunehmen, noch lange nicht akzeptiert ist, wurde sie im LiveStrong Park, der Heimat der Fußballmannschaft von Sporting Kansas City, bereits mit einigem Erfolg eingeführt. Das Telekommunikationsunternehmen Cisco hat 30 Meilen Glasfaser-Leitungen und 200 Router installiert, so dass die 20.000 Zuschauer mit dem Spiel über Smartphones interagieren können, und das dank der hohen Übertragungsgeschwindigkeit ohne Unterbrechung.

Bald werden Fans in der Lage sein, sich zu Hause einzuklinken, die Brille aufzusetzen und sich auf den Tribünen beliebiger Stadien auf der ganzen Welt wiederzufinden, während sich ein Spiel live vor ihren Augen entfaltet, mit einem Sichtfeld, das sich gemäß der Bewegungen ihrer Köpfe bewegt.

Diese Interaktion hat viele Seiten: Vom Einchecken am Sitzplatz über die Verabredung mit anderen oder die Bestellung eines Halbzeit-Snacks bis zum Versenden von '#sportingKC'-Tweets, die dann auf dem riesigen Bildschirm am Ende des Stadions angezeigt werden. Fans können persönlich eingestellte Replays anschauen oder eine beliebige Anzahl von Themen-Spiele spielen - von der Vorhersage, was als nächstes auf dem Feld passiert, bis zur Beantwortung von Quizfragen über das Team, und das alles für Bonuspunkte - während Pasha Telefonsignale und Fußgängerverkehr verfolgt, um dem Verein zu helfen, Verhaltensmuster unter seinen Fans vorherzusagen und zu fördern. Und es scheint zu funktionieren: Der Ticketverkauf stieg im letzten Jahr durchschnittlich von 3.000 bis 12.000 pro Spiel, obwohl die Preise wegen der neuen Technik stiegen.

Während man bei Sporting Innovations Digitaltechnik verwendet, um die Verbindung zwischen Fans und Team zu vertiefen, gehen man bei 3D-Tech-Spezialist EON Reality noch einen Schritt weiter: Man möchte die gesamte Sportarena nach Hause bringen.

Ingenieure in der Firmenzentrale von EON, Kalifornien, entwickelten den Icube: Mehrere miteinander verknüpfter Computer projizieren Bilder auf eine Reihe von Wänden, um die Benutzer mit stereoskopischen Brillen umherwandern, während ihre Bewegungen durch Bewegungssensoren verfolgt werden. Das Ergebnis ist tiefgreifendes 3D-Erlebnis, wie man es bereits in der Anfangsphase der Virtual Reality vorhergesagt hat.

Für Fans ist die Wirkung atemberaubend. Bald werden sie in der Lage sein, sich zu Hause einzuklinken, die Brille aufzusetzen und sich auf den Tribünen beliebiger Stadien auf der ganzen Welt wiederzufinden, während sich ein Spiel live vor ihren Augen entfaltet, mit einem Sichtfeld, das sich gemäß der Bewegungen ihrer Köpfe bewegt. Die Technik ist noch in der Entwicklung, könnte aber innerhalb von drei Jahren für den Heimgebrauch verfügbar sein.

Sie wird bereits von Sporttrainern eingesetzt, um die Spieltechnik ihrer Spieler zu perfektionieren. „Wir haben bereits die Macht, das Training zu revolutionieren“, sagt Brendan Reilly, ein ehemaliger Basketball-Trainer aus Illinois, der von EON als Sportabteilungsdirektor eingezogen wurde. „Gerade jetzt können wir in unseren Büros neben lebensgroßen Versionen von uns selbst stehen und uns beim Golf- oder Fußballspielen zuschauen. Auf der Leistungssportebene unterscheidet sich der Sieger vom guten Sportler, weil er in der Lage ist, das Spiel mental zu verlangsamen, zu analysieren und ausschlaggebende Entscheidungen zu treffen. Und die virtuelle Realität ermöglicht uns, genau das zu tun, während wir Bewegungen biomechanisch auswerten, Fehler korrigieren und die Vorgänge auf eine Ebene bringen, die uns bisher verborgen blieb.“

Asim Pasha hat sicher Recht, wenn er darauf besteht, dass die digitale Revolution auf keinem Fall ignoriert werden kann. „Wir werden oft gefragt, ob es nicht gefährlich ist, einen Fan zu kreieren, der sich das Stadionerlebnis nach Hause auf seinen Bildschirm holt, anstatt tatsächlich ins Stadion zu gehen. Aber es liegt an uns, die Technik kreativ zu beeinflussen, damit dies nicht passiert“, sagt er. „In unserer Gaming-App Live Play können Sie beispielsweise nur gewinnen, wenn Sie die Liveaktionen direkt verfolgen, denn Sie müssen Fragen beantworten, die sich darauf beziehen, was in Echtzeit passiert. Wir denken, dass so etwas Leuten helfen wird, Ereignisse intensiv zu verfolgen und das Spiel besser zu verstehen, weil die Fans, die am besten belohnt werden, diejenigen sind, die buchstäblich den Ball nicht aus dem Auge verlieren. Das ist das Modell, das wir promoten möchten: Wir möchten nicht etwa die Realität des Live-Stadions ersetzen, wir möchten sie jedoch verbessern. Unserer Meinung nach ist das die Zukunft.“