Sir Martin Sorrell, Chef der WPP Group, ist für Niederlassungen in über 100 Ländern und Tausende Mitarbeiter verantwortlich. Er glaubt fest daran, dass neue Technologien unsere Welt entscheidend prägen. Dabei ist er kein Computerfreak oder Fachidiot, sondern ein knallharter Geschäftsmann. Im Interview spricht er über seinen Marketing-Ansatz, Technologien und die Veränderungen in der Geschäftswelt.

Menschenhaie können im Wasser nicht stillstehen – sie würden ersticken und sterben. Sir Martin Sorrell geht es ähnlich, auch er kann einfach nicht stillstehen. Unser Treffen in einem Londoner Pub hat er zwischen eine Reise in die Türkei, Gespräche in der Downing Street und einen Flug nach Mumbai gequetscht. Der Chef des weltweit größten Werbeunternehmens interessiert sich auch für Iran und Kuba. Veränderung und Innovation sind sein Lebenselixier.

Sorrells Aufstieg wäre ein guter Stoff für den Erfinder von Mad Men, Matthew Weiner: Ein beherzter junger Mann kauft ein Unternehmen, das Einkaufswagen herstellt, und schwingt sich damit zur Weltherrschaft auf. Na ja, vielleicht nicht zur Weltherrschaft, aber zumindest übernimmt er einige der bekanntesten Werbefirmen weltweit. Dann geht er nach China und arbeitet sich dort an die Spitze. Mittlerweile gilt sein Interesse dem Nahen Osten. Und all diese Erfolge vor dem Hintergrund dreier Jahrzehnte voller sozialer, politischer und wirtschaftlicher Umwälzungen.

Eine dramatische Geschichte. Der 66-jährige Chef der WPP Group ist für Niederlassungen in über 100 Ländern und Tausende Mitarbeiter verantwortlich. Er glaubt fest daran, dass neue Technologien unsere Welt entscheidend prägen. Dabei ist er kein Computerfreak oder Fachidiot, sondern ein knallharter Geschäftsmann.

Und er braucht es, in der Öffentlichkeit zu stehen. An dem Tag, nachdem George Osborne, der britische Schatzkanzler, 2011 eine Senkung der Körperschaftssteuer ankündigte, erklärte Sorrell, er werde mit WPP nach Großbritannien zurückkehren. 2008 hatte er das Unternehmen nach Dublin verlegt. Am Tag unseres Treffens sind eine halbe Million Menschen durch London marschiert, um gegen die Ausgabenkürzungen der Regierung zu protestieren. Einige hundert Menschen sind randalierend durch die Straßen gezogen und waren der Polizei dank sozialer Netzwerke und Mobiltelefonen immer den entscheidenden Schritt voraus. Vor diesem Hintergrund weist Sorrell darauf hin, wie schwierig es ist, sich auf eine einzige Botschaft zu konzentrieren: "Einige Demonstranten versuchten, ihre Botschaft auf friedfertige, geordnete Weise zu übermitteln. Die aber wurde natürlich mit den Taten der wenigen gewalttätigen Menschen in Zusammenhang gebracht. Hier werden zwei Dinge miteinander vermischt", sagt er.

„Kunden glauben, je größer du wirst, desto schlimmer verhältst du dich", muss Sorrell eingestehen. „Wir versuchen, das zu widerlegen. Innovation ist die Fähigkeit, zu differenzieren.

Früher konntest du alles wunderbar voneinander abgrenzen. Du konntest eine Botschaft an einen Teil der Zielgruppe richten und eine andere Botschaft an einen anderen Teil. Das ist vorbei. Heute sagst du etwas zu einer bestimmten Community, und sofort sehen es alle, buchstäblich mit nur einem Klick. Das heißt, wenn du eine Botschaft aussenden willst, hast du es heute sehr, sehr schwer."

Für Sorrell ist dieser Kontrollverlust symptomatisch für die heutige Zeit. "In meinem Geschäft herrscht völlige Anarchie. Du kannst nichts kontrollieren. Du kannst immer nur reagieren. Über die eigene Botschaft bestimmen zu können, das ist vorbei. Sehen Sie sich Wikileaks an: Du musst alles, was du schreibst, daraufhin abklopfen, dass es morgen als Aufmacher in der Zeitung stehen könnte."

Mit seinem stämmigen und fast furchteinflößenden Äußeren (nach einem Autounfall mit 18 Jahren musste er eine umfassende Gesichtsoperation über sich ergehen lassen) wirkt Sorrell wie eine Spannfeder – er wippt während unseres Gesprächs die ganze Zeit von der einen auf die andere Seite. Diesen Drive verdanke er dem „Schnellkochtopfeffekt" der Harvard Business School. Nach seinem Abschluss ging er zu Saatchi & Saatchi, wo er bis zum Group Finance Director aufstieg, ehe er sich selbstständig machte.

Auf dem Mobile World Congress in Barcelona führte Sorrell im Februar ein Gespräch mit dem Titel „Die Macht der Apps". Seine Arbeit dreht sich mehr und mehr um mobile Kommunikation und ihre Möglichkeiten für den Kunden. WPP ermutigt seine etablierten Marken, in mobile Talente zu investieren, und hält seine Online-Agenturen dazu an, aggressiver mobile Technologien zu nutzen.

"Mobile Technologien sind für uns ein wichtiger Aspekt der Online-Revolution", sagt er. Ein Nebeneffekt: "Unsere Bereitschaft, uns in Ruhe hinzusetzen, etwas zu durchdenken, uns Zeit zu nehmen, um es zu drehen und zu wenden, schwindet rapide, weil permanent so viele Sachen auf dich einprasseln, buchstäblich 24 Stunden am Tag.

Das ist der Nachteil der Revolution", fährt er fort. "Früher hieß es, wer im Besitz der Informationen ist, der hat auch die Macht. Das stimmt so nicht mehr. Das Entscheidende ist heute die Analyse der Daten, die richtige Nutzung der Daten, die präzise Auswertung. Darin liegt heute die Macht. Denn jeder hat heute Zugang zu allem."

Sorrell interessiert sich für Technologien jedoch nicht um ihrer selbst willen. Sie sind für ihn nur Mittel zum Zweck. Ihn interessiert, was sie können, nicht, was sie sind. Er legt ein BlackBerry und ein normales Nokia-Handy vor sich auf den Tisch. Er habe zwei Telefone, weil er "die mentale Stärke, beide als eines zu sehen" besitze. Sorrell nutzt weder Twitter noch Facebook ("Ich schätze, ich bin in dieser Hinsicht ein bisschen altmodisch"). Dennoch ist sein Tag um die neuesten Nachrichten und live sendende Finanzkanäle strukturiert, die er sich auf seinem neuen iPad 2 ansieht. Seinen PC hat er in die Abstellkammer gestellt. "Ich habe keine Lust, einen Laptop durch die Gegend zu schleppen, deswegen habe ich auch auf Reisen keinen dabei."

Ist WPP mit seiner globalen Reichweite und seinem globalen Profil zu groß geworden, um noch innovativ zu sein? Sorrell erwidert, Wire and Plastic Products plc habe selbst die Regeln des Marktes neu geschrieben. Als Sorrell das britische Unternehmen 1985 auf der Suche nach einer börsennotierten Firmenhülle übernahm, stellte es Einkaufswagen her. Heute gehören berühmte Werbemarken wie JWT, Ogilvy & Mather, Young & Rubicam oder Grey zum Unternehmen – ebenso wie der Medieninvestitions-Gigant GroupM.

"Uns interessiert die Anwendung von Technologie, nicht deren Entwicklung. Wir sitzen nicht mit Sergey und Larry in der Garage."

Die erste Vorstandssitzung von WPP in China fand 1989 statt. Heute macht das Unternehmen hier $ 1 Mrd. Umsatz im Jahr, und den Fünfjahresplan der Regierung bezeichnet Sorrell als "Freibrief" für sein Unternehmen. Er führt streng Regie über sein Konglomerat, betont aber zugleich, dass WPP ein amorphes Gebilde sei, das aus zwölf verschiedenen Unternehmen bestehe. "Kunden glauben, je größer du wirst, desto schlimmer verhältst du dich", muss Sorrell eingestehen. „Wir versuchen, das zu widerlegen. Innovation ist die Fähigkeit, zu differenzieren."

Für Sorrell bedeutet das, herauszuarbeiten, was Technologie kann: "Uns interessiert die Anwendung von Technologie, nicht deren Entwicklung", erklärt er. Wir sitzen nicht mit Sergey und Larry [den Google-Mitbegründern] in der Garage und denken uns Sachen aus. Wir kommen nicht aus Stanford oder Harvard, um uns in derartige Abenteuer zu stürzen. Wir nehmen die Ideen und wenden sie an, um uns aus der Masse hervorzuheben."

Eine interessante Frage ist, ob ein erfinderischer Geist wie Mark Zuckerberg, der Facebook-Chef, in einem Unternehmen wie WPP eine Chance gehabt hätte. "Mark Zuckerberg hätte sich in keinem Unternehmen wohlgefühlt. Seine einzige Chance war, sich in der Garage zu verschanzen und sein eigenes Ding zu machen", erwidert Sorrell. "Genau das habe ich 1985 auch getan. Nur dass meine Garage einen Namen hatte: Sie hieß Wire and Plastic Products.”

Obwohl sein Geschäft auf harten Fakten beruht, vertraut Sorrell durchaus manchmal dem Zufall. Er trägt zwei brasilianische Armbänder, die er zu Neujahr geschenkt bekommen hat. Wenn ein Armband abfällt, habe er drei Wünsche frei. "Das ist keine Show", betont Sorrell. "Ich bin wirklich ein bisschen abergläubisch. Meine Wünsche sind aber bislang noch nicht in Erfüllung gegangen, weshalb ich Ihnen leider nicht mehr dazu sagen darf."

Wenn Sorrell einmal nicht im Büro sitzt, spielt er leidenschaftlich gern Cricket. Er versucht, zehn Spiele im Jahr zu machen, sei aber leider "ein Arbeitstier". "Tja, so ist das nun mal: Entweder du bist gut oder schlecht", sinniert er, während unsere Zeit langsam zu Ende geht. "So sieht's aus: schwarz oder weiß. Man will ja kein Mittelmaß sein."

Kunden glauben, je größer du wirst, desto schlimmer verhältst du dich. Wir versuchen, das zu widerlegen. Innovation ist die Fähigkeit, zu differenzieren.

Sir Martin Sorrell – Entscheidende Fakten

<dl><dt>Was ist Ihre frühste Erinnerung?</dt><dd>Wie meine Mutter meinen Finger in der Küchentür eingeklemmt hat. Da war ich fünf.</dd><dt>Was ist Ihr Paradegericht?</dt><dd>Süß-saure Hackbällchen.</dd><dt>Ihr letzter klarer Moment?</dt><dd>Als ich aus dem Mutterleib flutschte.</dd><dt>Wie sieht Erfolg für Sie aus?</dt><dd>Unendlich.</dd><dt>Was können Sie gar nicht?</dt><dd>Balance halten.</dd><dt>Wann haben Sie sich das letzte Mal gehen lassen?</dt><dd>Als ich meinen Kopf aus dem Mutterleib steckte.</dd><dt>Worüber haben Sie sich zuletzt geschämt?</dt><dd>Darüber, dass es uns nicht gelungen ist, eine Forderung durchzusetzen.</dd><dt>Wenn es nur einen Ort gäbe, an dem Sie wohnen könnten – wo wäre das?</dt><dd>Sydney.</dd><dt>Wann sind Sie zuletzt überrascht worden?</dt><dd>Als meine Frau auf meinen Heiratsantrag mit "Ja" antwortete.</dd><dt>Was ist besonders extravagant an Ihnen?</dt><dd>Meine Frau.</dd><dt>Was sehen Sie, wenn Sie in den Spiegel sehen?</dt><dd>Nicht viel.</dd><dt>Wie viel ist genug?</dt><dd>Es ist nie genug.</dd><dt>Wer inspiriert Sie?</dt><dd>Mein Vater.</dd><dt>Was hilft Ihnen, morgens aus dem Bett zu kommen?</dt><dd>Der Wecker meines BlackBerry.</dd><dt>Was hätten Sie gern, was Sie nicht haben?</dt><dd>100 Prozent Marktanteil.</dd><dt>Welches Lied wird auf Ihrer Beerdigung gespielt?</dt><dd>Das sollen andere entscheiden.</dd><dt>Was war Ihr größter Fehler?</dt><dd>Diesem Interview zuzustimmen.</dd><dt>Welche Art von Musik versetzt Sie in einen anderen Gemütszustand?</dt><dd>"My Funny Valentine" von Chet Baker und Gerry Mulligan, vor allem die Trompete.</dd><dt>Was möchten Sie sein, wenn Sie alt sind?</dt><dd>Erster Schlagmann im englischen Cricket-Team.</dd><dt>Erzählen Sie uns einen Witz ...</dt><dd>Eine wahre Geschichte: Der neue weltweite Firmenchef einer großen Agentur besucht zum ersten Mal die Filiale in Amsterdam. Weil er sich gerne weltmännisch zeigen möchte, beginnt er seine Rede damit, wie sehr er sich freue, hier bei ihnen in Benelux zu sein.</dd></dl>