Das 1985 gegründete MIT Media Lab ist Heimat einer bunt gemischten Gruppe von Wissenschaftlern, Ingenieuren, Designern und Künstlern und gilt mittlerweile als einer der einflussreichsten Technologie-Inkubatoren der Welt. Mit Produkten wie Guitar Hero, LEGO Mindstorms, E Ink oder Informationsdisplays wurde das Labor zu einer Innovationsfabrik. Leiter des Labors ist Unternehmer und Risikokapitalinvestor Joi Ito, der für 2013 vier große Trends aufkommen sieht. Er erklärt, wie Hardware-Neuentwicklungen, Bioprinting, disruptive Bildung und agile Prozesse die Zukunft bestimmen werden.

Joi Ito ist ein geselliger Mensch. Er hat zwar mehrere Titel – Unternehmer, Visionär, Abenteuerkapitalist, Technologie-Guru und Director der Technologiefabrik MIT Media Lab – aber seine Genialität liegt in Wirklichkeit darin, die wie Science-Fiction anmutenden Durchbrüche der Zukunft in den heutigen Mainstream zu übertragen. Diese Aufgabe erfordert ein scharfes Auge, etwas Glück sowie die Bereitschaft, in dunklen Ecken, die alle anderen bereits abgeschrieben haben, nach Innovationen zu suchen.

„Wenn Sie an Google, Facebook oder Yahoo denken, ist das Auffälligste an diesen neuen Innovationen, dass sie alle nicht in gut ausgestatteten Laboren gestartet wurden, sondern in der Peripherie“,sagt Ito. „Das passierte, weil das Internet eine Open-Source-Möglichkeit ist, um Informationen zu teilen. Die Kosten für Innovationen gingen auf fast Null herunter – man braucht nur Instant-Nudeln und Schweiß. Dadurch verlagerten sich Innovationen von den großen Innovatoren an den Rand – zu den Studenten-Start-ups und so. Die ganze Internet-Explosion wurde von kleinen Gruppen von Menschen angeführt, was wiederum bedeutete, dass sich der gesamte Innovationscharakter mit den fallenden Kosten veränderte.“

Hardware ist die neue Software

Ito hat vier Schlüsseltrends, die er dieses Jahr beobachten wird, allen voran das Emporkommen der Hardware-Start-ups. „Was dieses Jahr neu sein wird ist, dass durch Supply-Chain-Provider die Herstellungskosten und das Risiko sehr, sehr niedrig werden“, erklärt er. „Hardware-Start-ups sehen also wie die Software-Start-ups des vorherigen digitalen Zeitalters aus.“

Er erwähnt drei Unternehmen, die als Media-Lab-Projekte begonnen wurden: LittleBits, Formlabs, und Twine. Alle drei verbinden das Internet kunstvoll mit der realen Welt, wobei sich hinter der spielerischen Verpackung ernsthaft disruptive Absichten verbergen. LittleBits, zum Beispiel, ist eine Open-Source-Bibliothek elektronischer Module, die sich mit kleinen Magneten für den Prototypenbau und zur Unterhaltung zusammenschließen lassen. Damit soll für die Elektrotechnik das Gleiche erreicht werden wie mit LEGO für den Bau. Der Kickstarter-Liebling Formlabs steht an der Spitze der 3D-Druck-Revolution, die im Begriff steht, die Rahmenbedingungen für das herstellende Gewerbe neu zu gestalten. Twine wiederum ist ein genialer kleiner Würfel, der (manche) alltägliche Gegenstände mit dem Internet verbindet und es diesen ermöglicht, mit Ihnen zu kommunizieren. Wenn es nach diesem Start-up ginge, hätte Ihre Klimaanlage bald ein eigenes Benutzerkonto bei Twitter.

Hardware ist natürlich immer noch schwieriger zu produzieren als Software, aber je leichter dies wird, um so mehr neue Welten eröffnen sich. „Wir beobachten gerade, wie sich alte Hardwarefirmen wie HP aus dem Markt verabschieden, weil die Welt ihnen zu schnell geworden ist“, sagt Ito. „Das ganze Ökosystem um Hardware ist deutlich praktikabler geworden.“

Gen-Druck

Ein weiterer Trend ist die Biotechnologie, bei der Ito starke Fortschritte bei unserer Fähigkeit, Gene zu drucken, erwartet. „In der Biologie haben wir eine Menge Gene sequenziert, aber es treten meist Fehler auf, wenn wir versuchen, diese dann zu drucken“, erklärt er. In einigen Gendruck-Fabriken in China, zum Beispiel, liegt die Fehlerquote bei 1 in 100 Basenpaaren. Aber jetzt kommen Media-Lab-Wissenschaftler wie Joe Jacobson und stellen Gene mit einem sogenannten 'CMOS'-Chip her, der es ihm im Grunde ermöglicht, für den Druck Maschinen anstelle von Menschen zu verwenden, was die Fehlerquote auf 1 in 10.000 Basenpaaren verringert. „Das bedeutet, dass die Fähigkeit, Gene herzustellen, rapide zunehmen wird, so dass der Möglichkeit, biologische Geräte zu entwerfen und zu verbessern, keine Grenzen mehr gesetzt sind.“

Auf Nachfrage, was für biologische Geräte er meint, lässt Ito seiner Vorstellungskraft freien Lauf – wir könnten Samen pflanzen, aus denen Häuser wachsen, sagt er, oder Zellen mit Erinnerungsvermögen erschaffen. Das ist Ito, der Science-Fiction-Fan, wie er begeistert in die Zukunft schaut. Er ist aber auch Pragmatiker und fügt fast entschuldigend hinzu: „Man sollte aber nicht vergessen, dass das alles nicht leicht ist.“

Lebenslanges Lernen

Itos Erfolgsquote als Director des Media Labs – die Fähigkeit, durch eigenständiges Lernen und durch Versuch und Irrtum die Spreu vom Weizen zu trennen – hat ihm eine kritische Sichtweise auf das formale Bildungssystem gegeben – ein weiteres Feld, das er 2013 als reif für Disruption betrachtet.

„Ich war schon immer der Auffassung, dass „Bildung“ etwas ist, was andere auf einen ausüben, während „Lernen“ etwas ist, das man für sich selbst tut“, sagt er. „Folglich habe ich in der Schule außer Tippen auch nichts gelernt. Früher hatten Leute, die wie ich keinen Hochschulabschluss hatten, es schwer in der Gesellschaft. Aber heutzutage ist es sehr leicht geworden, alleine oder von Kollegen zu lernen. Ich glaube, dass diese Veränderung zu einer fundamentalen Erschütterung des Bildungssystems führen wird. Eigenständiges und lebenslanges Lernen erreichen gerade ihren Höhepunkt – es wird einen Wendepunkt geben im Hinblick auf die Art, wie Menschen lernen.“

Ito ist sich zwar nicht sicher, welche Form sein „Wendepunkt“ haben wird, aber er glaubt, dass Innovationen nur möglich sind, wenn eine gewisse Flexibilität beim Entwickeln von Technologie bewahrt wird.

Überleben des Schnelleren

„Ich traue Futuristen nicht mehr so sehr – meistens haben sie unrecht“, sagt er als Antwort auf einen Titel, der ihm oft gegeben wird. „Ich nenne mich einen 'Jetzisten', und momentan versuche ich herauszufinden, wie ich mir die Fähigkeit aneignen kann, auf alles reagieren zu können. Anders ausgedrückt möchte ich gerne eine gewisse Agilität erreichen. Die größte Bürde für Unternehmen heutzutage ist es, zu viele Aktiva zu haben. Man muss lernen, flüssig und agil zu sein.

Ich nenne mich einen 'Jetzisten', und momentan versuche ich herauszufinden, wie ich mir die Fähigkeit aneignen kann, auf alles reagieren zu können.

„Auf gewisse Weise ist es spirituell“, fährt er fort. „Man muss seine Peripherie weit offen halten und sich so schnell wie möglich anpassen. Ich denke, dass das in der Zukunft ein wichtiges Überlebensmerkmal für Menschen und für Unternehmen sein wird.“

Wieder fällt dieses Wort. Egal, wie sehr Ito darauf besteht, im Jetzt zu leben, ist sein Fuß doch ständig auf dem Gaspedal und sein Blick konstant nach vorne gerichtet. „Ich suche einen Prozess, bei dem es letztendlich darum geht, eine riesige Antenne aufzurichten, so dass ich nicht verpasse, was am Horizont auf uns zukommt“, sagt er. „Das kann man auf unsere Richtlinien im Media Lab zurückführen – unsere Fakultätsmitglieder dürfen nicht auf eine Disziplin festgelegt sein. Wenn jemand in einem bereits existierenden Feld bereits alles tun kann, was er will, gehört er nicht ins Lab. Ich suche Leute und Menschen, die sonst nirgendwo reinpassen: die Außenseiter der Gesellschaft.“

Geschrieben von Tetsuhiko Endo