Arbeiten Sie in der Kreativbranche? Im digitalen Zeitalter lautet die Antwort darauf immer „Ja“, egal welchen Beruf man ausübt. Man muss nur das eigene Potenzial erkennen – und es dann nutzen. Dank unbegrenzter Technologie, mehr Effizienz, weniger Hindernissen und umfassender Zusammenarbeit kann im digitalen Zeitalter jeder kreativ sein.

Die digitale Revolution hat Kreativität freigesetzt. Filmemacher sind für die Veröffentlichung ihrer Filme nicht mehr nur von Studios abhängig, da YouTube und Vimeo ein Millionenpublikum erreichen. Autoren können sich für traditionelle Verlage oder neuere Alternativen wie Amazon und eBooks entscheiden. Musiker müssen nicht mehr sechs Monate in einem Studio verbringen, denn es reichen auch fünf Minuten mit dem Laptop im Schlafzimmer. Wir haben mehr Möglichkeiten kreativ zu sein, als jemals zuvor, aber wie nutzen wir die uns zur Verfügung stehenden Mittel, um unser Potenzial wirklich zu nutzen? Muss man besonders talentiert sein, um diese Ergebnisse zu erzielen, oder können wir lernen, kreativ zu sein – egal in welchem Feld wir arbeiten?

Dr. Robert Root-Bernstein, Professor der Physiologie an der Michigan State University, ist der Co-Autor von „Sparks of Genius: The 13 Thinking Tools of the World’s Most Creative People“. Er geht davon aus, das Kreativität gelernt werden kann. „Bei Kreativität geht es nicht um Problemlösung“, erklärt er. „Ist ein Problem erstmal definiert, bietet sich die Lösung oftmals geradezu an.

Im Grunde genommen sind die kreativsten Leute jene, die zuerst aufzeigen, wo das Problem liegt. Wir bringen den Leuten aber nicht bei, wie das geht. Kreativität ist nicht auf bestimmte Berufsgruppen begrenzt – man findet sie in jeder Disziplin“, fährt Dr. Root-Bernstein fort. „Nehmen Sie zum Beispiel Anwälte und Buchhalter. Warum gab es den Enron-Skandal? Warum haben wir Probleme mit den Banken? Das sind kreative Menschen, die Schlupflöcher suchen und versuchen, Grenzen auszudehnen.“

In seinem Buch beschreibt Dr. Root-Bernstein, dass für den kreativen Prozess 13 Instrumente notwendig sind, u. a. Beobachtung, Abstraktion, Vorstellungskraft und kinästhetisches (z. B. multi-sensorisches) Denken. „Wie ein Zimmermann muss man lernen, wann man welches Werkzeug bzw. Instrument einsetzt“, sagt er. „Jeder besitzt diese Instrumente, aber keines steht auf irgendeinem Lehrplan. Beobachtung ist entscheidend. Interagiert man nicht mit der digitalen Welt und bekommt man nicht mit, was vorgeht, hat man keine Daten, mit denen man arbeiten kann. Abstraktionsvermögen hilft zu erkennen, was wichtig ist und was nicht. Vorstellungskraft hilft einem, sich daran zu erinnern, was man abstrahiert hat. Kinästhetisches Denken ermöglicht, ein System selbst zu erleben und es in den Körper zu integrieren. Menschen sagen, sie registrieren Probleme anhand von ‚Gefühlen‘. Während eines Meetings mag sich etwas falsch anfühlen und man kriegt ein ungutes Gefühl im Magen – da sagt einem der Körper, dass irgendetwas nicht stimmt. Kreative Menschen reagieren darauf ganz besonders. Lernen Sie, mehr darauf zu achten, wie Ihr Körper auf ein Problem reagiert.“

Sie werden in jedem Beruf profitieren, wenn Sie diese Instrumente anwenden. „Im Ingenieurswesen“, erklärt Dr. Root-Bernstein, „zeigen Untersuchungen beispielsweise, dass visuelle Fähigkeiten eher zum Erfolg führen als mathematische. Aber wenn wir Ingenieure ausbilden, spielt das Training der Vorstellungskraft formal kaum eine Rolle.“

Derzeit bietet das Internet Plattformen zur Lösung von Problemen wie Bill Gates’ Grand Challenges in Global Health Initiative, die wissenschaftliche Innovation fördert und uns einlädt, wichtige Gesundheitsprobleme in den Entwicklungsländern zu lösen. Dr. Root-Bernstein glaubt jedoch, dass wir uns in der nächsten Phase der digitalen Kreativität nicht mehr auf die Problemlösung konzentrieren werden, sondern auf die Open-Source-Problemaufdeckung. „Grand Challenges hat zur Folge, dass Experten Probleme finden, um sie dann zu lösen. Ich fände es gut, wenn es Online-Foren geben würde, in denen Menschen darüber diskutieren könnten, welche Probleme es gibt, und Gründe dafür angeben könnten, warum Gates im Zusammenhang mit einer Krankheit in Afrika nicht das richtige Problem behandelt. So würden wir meiner Meinung nach schneller ans Ziel gelangen.”

Die Technologie macht uns nicht dümmer. Sie erweitert unser Repertoire. Sie versetzt uns in die Lage, unsere Kreativität zu nutzen.

Auch Dr. Scott Barry Kaufman, Professor für kognitive Psychologie an der NYU und Mitbegründer von The Creativity Post, einer gemeinnützigen Web-Plattform, die qualitativ hochwertige Beiträge über Kreativität, Innovation und Phantasie bietet, hält es für eine gute Idee, viele kluge Köpfe zusammenzubringen und über etwas diskutieren zu lassen.

„Dank der Technologie können sich mehr Menschen an einer Sache beteiligen“, erläutert er. „Eine kreative Person ist neugierig, offen und auf der Suche nach neuen Denkmustern. Die Idee ist einfach: Wenn man zehn Köpfe mit zehn Ansichten über eine Sache zusammenbringt, wird das sofort zu einer kreativeren [Diskussion] [führen].”

Dr. Kaufmann findet, dass die Auswirkungen der neuen digitalen Hilfsmittel so groß sind, dass man von einem zweiten kulturellen „Urknall“ sprechen kann. Die digitalen Möglichkeiten verändern laut ihm nicht nur unsere Welt, sondern auch unseren Geist. „Der Urknall der kulturellen Explosion vor 10.000 Jahren war nicht das Ergebnis größerer Gehirne, sondern der Fähigkeit, neues Werkzeug zu benutzen“, erklärt er. „Momentan erleben wir wieder eine Art kulturellen Urknall. Durch den Einsatz von Technologien, die noch nie dagewesene Kooperationsmöglichkeiten bieten, können wir jetzt besser denn je unterschiedliche Köpfe einsetzen. Autistische Menschen werden derzeit [beispielsweise] in traditionellen Ausbildungssystemen nicht sonderlich gefördert, doch für die Gesellschaft sind sie äußerst wertvoll, weil sie im Gegensatz zu den meisten anderen Menschen sehr detailorientiert sind und jede Einzelheit erkennen.

Aber Autismus ist nur ein Beispiel. „Schizophrene verfügen über eine ausgeprägte Kombinationsfähigkeit. Neue Studien belegen: Um kreativ arbeiten zu können, muss eine schizophrene Geistesverfassung mit der Fähigkeit kombiniert werden, für die Überprüfung von Ideen eine andere Denkweise, wie zum Beispiel eine analytische Denkweise, anzuwenden. Dank der Entwicklungen im digitalen Zeitalter werden Menschen, die in einem regulären Umfeld nicht berücksichtigt werden, diese Technologien bald allein nutzen können.“

Zu diesen Entwicklungen gehört die Arbeit von Google-Datenkünstler Aaron Koblin. Seine Open-Source-Visualisierungen ermöglichen mehreren Benutzern, an einem einzelnen Projekt mitzuarbeiten. Dadurch wird die Kreativität von mehreren Personen mit unterschiedlichen Kompetenzen genutzt. „Er zeigt, wie wir mithilfe von Benutzeroberflächen jeden zur Teilnahme bewegen können“, erklärt Dr. Kaufman. „Nun können autistische oder schizophrene Menschen mit ihren einzigartigen Fähigkeiten glänzen, ohne dass jemand wegen ihrer Beeinträchtigung an ihnen zweifelt. [Koblin] hat demonstriert, wie man zu einem wunderbaren Ergebnis gelangt, wenn man viele verschiedene Stimmen zusammenbringt.“

Es gibt immer noch die Kritik, dass Technologie zu Verdummung, zu Faulheit und am Ende dazu führt, dass die Maschinen uns das Denken abnehmen. Wenn er diesen Einwand hört, muss Damon Horowitz, Googles Hausphilosoph und Director of Engineering, lachen. „Technologie macht uns nicht dümmer – obwohl einige der Dinge, die wir mit Technologie entwickeln, diesen Effekt haben“, sagt er. „Technologie erweitert unser Repertoire. Sie gibt uns die Kontrolle über unsere Kreativität: nicht nur in Form von Computergrafiken, Animationen und Visualisierungen, sondern nun auch durch Sprachen, mit denen komplexe Prozesse abgebildet werden können. Diese Möglichkeit hatten wir vor dem digitalen Zeitalter nicht.

„Nehmen Sie zum Beispiel einen Bereich wie die Stadtplanung“, fährt Dr. Horowitz fort. „Es ist eine Sache, wenn man Theorien entwickelt, wie z. B. der Verkehr durch eine Stadt geleitet werden kann, und diese vage auf zuvor untersuchten Systemen aufbaut. Vor der Nutzung von digitalen Technologien fehlte uns die Möglichkeit, sehr detailliert abzubilden, wie ein komplexes System funktioniert. In den letzten Jahrzehnten ist es uns gelungen, Modelle zu programmieren und Simulationen durchzuführen, die häufig unerwartete Effekte unserer Möglichkeiten zeigten. Und heute können wir mit der Entwicklung von Prototypen und dem Einsatz von einfachen Applikationen sehen, wie Menschen tatsächlich handeln, wenn ihnen neue Werkzeuge zur Verfügung stehen. Jetzt müssen wir nicht mehr raten, sondern können unsere Ideen iterieren.“

Dr. Root-Bernstein, Dr. Kaufman und Dr. Horowitz sehen keinen Unterschied zwischen den sogenannten „kreativen“ und „nicht-kreativen“ Branchen, sondern stimmen darin überein, dass die kreativsten Menschen auch meistens die leidenschaftlichsten sind. Dr. Root-Bernstein betont, wie wichtig es ist, immer wieder Neuland zu betreten. „Seien Sie neugierig auf alles, was Sie nicht wissen. Entwickeln Sie Interesse und fördern Sie dieses. Lassen Sie sich auf lebenslanges Lernen ein. Die Kreativsten unter uns haben immer Angst. Springen Sie von einer Klippe und vertrauen Sie darauf, dass Sie keinen Schaden nehmen.“

Kreativität in Aktion

Dr. Jay Parkinson ist ein in New York City ansässiger Kinderarzt, der sich der Verwendung digitaler Technologie verschrieben hat, um das entsprechende kreative Potenzial für das Gesundheitswesen zu erschließen. Hier erklärt er, wie er vorgeht.

Ärzte müssen nicht nur unkreativ sein, sondern auch „anti-kreativ“. Am ersten Tag im Medizinstudium erkennt man, dass dort eine militärische Hierarchie existiert, und darum hinterfragt man nichts. Ich war immer an Technologie interessiert. 2003, während meiner Zeit als Assistenzarzt, habe ich angefangen, die CDs von anderen gegen eine Gebühr in MP3s umzuwandeln, damit sie sie auf ihre iPods laden konnten. Und 2007 habe ich eine Art digitale Praxis ins Leben gerufen, die neu und kreativer war.

Ich fokussierte mich auf zwei Postleitzahlen und nahm nur Patienten aus Williamsburg und Greenpoint an. Die Patienten erhielten Zugang zu meinem Google-Kalender. So konnten sie sehen, wann bei mir ein Termin frei war. Dann informierten sie mich über ihre Symptome und schickten mir ihre Adresse. Ich kriegte eine Nachricht auf meinem iPhone, machte einen Hausbesuch und wurde via PayPal bezahlt. Anschließend hielten wir via Videokonferenzen oder E-Mail Kontakt. Ich musste etwas improvisieren, damit das funktionierte, aber ich kriegte das hin, obwohl ich mich nicht aufs Programmieren verstehe.

Die Reaktion war gespalten: Traditionelle, altmodische Ärzte reagierten in etwa so: „Dieser Idiot soll sich vom Acker machen“. Doch dann landete ich auf der Titelseite einer Fachzeitschrift und die Meinung änderte sich dahingehend, dass mein Tun vielleicht in Ordnung ist, wenn die dort über mich berichten.

Heute gehört mir eine Design-Firma namens The Future Well, die mit Hilfe von kreativem Design und Technologie die Gesundheit verbessert. Unsere neueste Initiative heißt Sherpaa, und sie wurde am 31. Januar mit Tumblr lanciert. Mitarbeiter von Tumblr erhalten Zugang zu einem Netzwerk von Ärzten, die Telefonanrufe und E-Mails beantworten. Mit Hilfe der Technologie können wir die uns zur Verfügung stehenden Ressourcen im Auge behalten: Wer hat Bereitschaft? Wer betreut gerade keinen Patienten und kann mit uns jetzt telefonieren? Wir schaffen eine Art Mikrosystem des Gesundheitswesens, so wie es sein sollte.