Dank dem Internet sind wir heute schneller denn je. Aber schöpfen wir die Möglichkeiten der modernen Technik möglicherweise nicht voll aus? Jeff Jarvis argumentiert, dass niemand die enormen gesellschaftlichen Veränderungen durch die Druckerpresse voraussah, und er glaubt, dass das Internet noch größere und grundlegendere Umwälzungen mit sich bringt. Er behandelt einige der potenziellen Veränderungen, die auf die Menschheit zukommen könnten, während sie sich weiterhin an die neuen Technologien anpasst.

Es ist allgemein akzeptiert, dass die Internetuhr schnell tickt; dass sich alles so rasch verändert wie nie zuvor; dass unsere modernen Minuten nur mehr 10 oder 20 Sekunden dauern. Aber was ist, wenn unser Fortschritt nicht so schnell abläuft, wie es den Anschein hat? Was ist, wenn wir erst ganz am Beginn einer sich anbahnenden Umwälzung stehen?

Denken wir an die Zeit von Gutenberg. Das gedruckte Buch begann erst 50 Jahre nach seiner Erfindung seine eigene Gestalt anzunehmen. Zuerst ahmten die Drucker die Schriftgelehrten nach und verwendeten Schriftsätze, die wie Handschrift aussahen, während das Drucken als automatisches Schreiben beworben wurde. „Es schien, als hätten sie das gedruckte Buch nicht als fundamental andere Form wahrgenommen“, schreibt Leah Marcus in ihrem Essay „Cyberspace Renaissance“, „sondern eher wie ein Buch von Manuskripten, das schneller und bequemer hergestellt werden konnte.“ Sie sahen einfach die Möglichkeiten nicht.

Genauso wenig wie heutige Medienunternehmen – nicht zur Gänze, noch nicht. Man sehe sich nur ihren Umgang mit dem Web und neuen Plattformen wie dem Tablet an. Sie versuchen noch immer, herkömmliche Formen, Inhalte, Geschäftsmodelle, industrielle Strukturen und Überwachung zu replizieren: Alter Wein in neuen Schläuchen. Zeitungen, Magazine und Bücher sind auch online als solche erkennbar.

Es dauerte also einige Zeit, bis sich das Buch entwickelte. Und auch die Weiterentwicklung der Gesellschaft erfolgte nicht sofort. Elizabeth Eisenstein, Autorin des maßgeblichen Werks über den Einfluss von Gutenberg „Die Druckerpresse: Kulturrevolutionen im frühen modernen Europa“ schreibt: „Man muss ein volles Jahrhundert nach Gutenberg warten, bis die Umrisse der neuen Weltbilder langsam Gestalt annehmen.“

John Naughton, ein Kolumnist für den Observer in London lädt uns ein, sich auf eine fiktive Umfrage im Jahr 1472 einzulassen, 17 Jahre nach dem Druck der ersten Bibeln (wir sind selbst gerade einmal so weit entfernt von der Einführung des kommerziellen Webs). Auf einer Brücke in Mainz fragen wir Bürger, für wie wahrscheinlich sie es halten, dass Gutenbergs Erfindung das Folgende bewirkt:

a. Unterminierung der Autorität der katholischen Kirche
b. Ankurbelung der Reformation
c. Begründung des Aufstiegs der modernen Wissenschaft
d. Schaffung neuer sozialer Klassen und Berufe
e. Änderung unserer Vorstellungen von „Kindheit“ als schützenswerte Periode im Leben eines Menschen

„Der Druck hatte tatsächlich diese Auswirkungen“, sagt Naughton, „aber es ist unmöglich, dass jemand 1472 in Mainz (oder auch sonst wo) imstande gewesen wäre, das volle Ausmaß dessen zu begreifen.“

Ich glaube, dass das Internet genauso große Veränderungen wie die Druckerpresse bewirken kann und nicht nur die Medien umgestalten wird – denn das Internet ist viel mehr als nur ein Medium – , sondern fast jede Branche und soziale Institution. Selbstverständlich gibt es dafür keine Gewissheit. In seinem Buch „Future Babble“ argumentiert Dan Gardner, dass Expertenvorhersagen allesamt wertlos sind. Aber der Gedanke eines Experten für die Zukunft ist an sich schon absurd.

Das Klügste ist, Veränderungen nicht im Weg zu stehen (sie durch Regulierungen zu verlangsamen oder ganz zu verhindern), sondern sie durch Offenheit und Investitionen zu beschleunigen.

Dennoch müssen wir versuchen, uns die Grenzen des Möglichen vorzustellen, damit wir bessere strategische Entscheidungen in Wirtschaft, Technologie, Politik und Bildung treffen können. Wenn wir annehmen, dass die gegenwärtige Umwälzung nur die Breitbandgeschwindigkeit betrifft – und wir damit beinahe durch sind –, dann werden wir auf Grundlage dessen planen, was wir jetzt um uns sehen. Wenn wir aber stattdessen annehmen, dass wir noch gar nichts gesehen haben, dann sehen wir einer größeren Umwälzung und ungeahnten Chancen entgegen. Wir schützen Flexibilität, Erfindungsgeist und Vorstellungskraft, damit wir offen bleiben für tatsächliche zukünftige Entwicklungen.

Vielleicht wollen wir ja die Veränderungen beschleunigen. In der Abhandlung der Rand Corporation von 1998 „The Information Age and the Printing Press: Looking Backward to See Ahead“ argumentiert James Dewar, dass unser Informationszeitalter von ungewollten Folgen gekennzeichnet sein wird. Je früher wir daher beginnen, sie zu erkennen, zu akzeptieren und uns an sie anzupassen, desto besser. Der kluge Weg ist dann nicht, die Veränderungen zu verhindern (sie einzubremsen oder durch Regulierung zu stoppen), sondern sie durch Offenheit und Investitionen zu beschleunigen.

Stellen wir uns also die Veränderungen vor. Beginnen wir mit der Vorstellung, dass Technologie in vielen Branchen zu Effizienz zu Lasten von Wachstum führt. Beispiel Einzelhandel: Wenn man durch die Geschäftsstraßen Amerikas fährt, sieht man viele große, leer stehende Geschäftslokale, die nicht so aussehen, als würden sie jemals wieder geöffnet. Handelsketten – vor nur hundert Jahren von The Great A&P begründet – haben das Nachsehen gegenüber der Effizienz von Internetshops und konsolidierter Logistik. Viele Unternehmen können nicht mit der Preistransparenz im Web mithalten und die Kosten von zusätzlichem Personal, Mieten und Lagerhaltung tragen. Die komplette Lieferkette wird von Störenfrieden wie Amazon und Kickstarter umgekrempelt.

Bei den Zustelldiensten erleben Postdienste weltweit dramatische Rückgänge, weil E-Mail und soziale Kommunikation den Brief an sich in Frage stellen; weil papiergestützte Transaktionen zu ineffizient und zu teuer werden; weil das Marketing sich nicht mehr auf Massensendungen, sondern auf eine relevante Zielgruppenauswahl konzentriert. Dennoch boomt die Kommunikation.

Zeitungen und Magazine haben Schwierigkeiten, sich der neuen Medienlandschaft anzupassen, die auf Überfluss basiert statt auf der Kontrolle von knapper Zeit und knappem Raum. Nachrichten beginnen jetzt damit, die End-to-End-Architektur des Internets zu imitieren, indem Augenzeugen aus der ganzen Welt berichten, was sie sehen. Journalisten müssen sich fragen, wie sie weiterhin Mehrwert für einen Informationsfluss liefern können, der nicht mehr allein von ihnen abhängig ist.

Gesundheitswesen, Design, Marketing, Finanzwesen, Fertigungsindustrie, Versicherung, Energieversorgung … Jeder dieser Sektoren steht erst am Anfang des Umbruchs, den das Internet mit sich bringt.

Die Regierung ist jedenfalls schon im Umbruch. Wikileaks demonstriert den Aberwitz der Geheimhaltung. Der Arabische Frühling vertreibt Diktatoren aus dem Amt. Die Isländer gestalten ihre wirtschaftlich bankrotte Gesellschaft durch eine Verfassungsreform um, die Facebook-Kommentare einbezieht.

Ich frage mich aber, ob nicht etwas noch Größeres im Gange ist: Werden wir unsere Vorstellung von Nationen und damit Gesellschaften überdenken? Ermöglicht das Internet neue Gesellschaften, die Grenzen überschreiten? Ich frage mich, ob es eine Lektion der Hashtag-Revolte #occupywallstreet ist, dass Institutionen, denen wir immer weniger vertrauen, durch Netzwerke ersetzt werden; dass auch die Gesellschaft die Architektur des Internets zu imitieren beginnt.

Vielleicht gehe ich zu weit. Vielleicht gehe ich aber auch nicht weit genug.

Eine Gruppe von Wissenschaftlern der Universität von Süddänemark argumentiert, dass wir uns auf der anderen Seite der, wie sie es nennen, „Gutenberg-Klammer“ befinden. Vor Gutenberg wurde Wissen von Mund zu Mund, von Schriftgelehrtem zu Schriftgelehrtem weitergegeben und dabei verändert, ohne dass man sich viel um die Urheberschaft kümmerte. Innerhalb der Klammer wurde das Wissen dank der Druckpresse linear, permanent und eher ein Produkt mit klaren Besitzverhältnissen als ein Prozess.

Mehr als fünf Jahrhunderte danach würden wir laut diesen Wissenschaftlern wieder auf der anderen Seite der Klammer auftauchen. Wissen wird nun wieder weitergegeben, dabei verändert und kennt weniger Eigentumsrechte: Es ist mehr Prozess als Produkt. In seinem demnächst erscheinenden Buch „Too Big to Know“ entwirft David Weinberger eine Vision des Wissens, das zu groß für Bibliotheken, Institutionen oder unsere Köpfe ist. „Wissen ist jetzt das Eigentum des Netzwerks“, schreibt er. „Die intelligenteste Person im Raum ist der Raum selbst.“

Diese Veränderung in unserer mentalen Informationslandkarte wirkt sich auf unsere Wahrnehmung der Welt aus, führen die dänischen Wissenschaftler ins Treffen. Es ändern sich also nicht nur Branchen und Institutionen. Unsere sozialen Normen und Gesellschaften stehen auf dem Prüfstand. Wie wir die Welt um uns begreifen, unterliegt der Veränderung und solch tief greifende Veränderungen passieren nicht von heute auf morgen.