Innovationen im Bereich einer Technologie sorgen oft auch für Verbesserungen in ganz anderen Technologien, was zu völlig neuen und unerwarteten Ergebnissen führen kann. Sagt Russell Davies, Head of Planning bei Ogilvy & Mather, der an das Internet der Dinge glaubt, in dem Innovation vor allem durch "Herumblödeln" entsteht, nicht durch tiefschürfende Gedanken.

Erinnern Sie sich noch an Big Mouth Billy Bass, den animierten Fisch, der vor ein paar Jahren zu kurzer Berühmtheit gelangt ist? Er sah aus wie eine ganz normale Anglertrophäe, aber wenn man einen Knopf auf dem Brett drückte, erwachte das Tier plötzlich zum Leben und sang irgendein Lied, das mit Wasser in Verbindung stand, zum Beispiel "Take Me to the River".

Jetzt stellen Sie sich vor, dieser Billy wäre so intelligent wie Ihr Smartphone. Dann wüsste er, an welchem Ort auf der Welt er sich befindet. Wie spät es ist. Was für ein Wetter herrscht. Wer das Fußballspiel gestern Abend gewonnen hat. Ob die Züge Verspätung haben. Und jetzt nehmen Sie an, Sie würden ihn mit ein bisschen Profilinformationen füttern. Dann wüsste er, welcher Ihrer Skatbrüder gerade in der Nähe ist und welche Ihrer Lieblingsbands in Ihrer Stadt sind. Er wüsste eine Menge. Mit ein paar Informationen, die man ihm in sein Fischköpfchen pflanzt, und einer Spur von Erfindungsgabe könnte er Ihnen alle möglichen interessanten und nützlichen Dinge erzählen, wenn Sie auf seinen Knopf drücken. Und geben Sie's zu: Sie würden auf den Knopf drücken.

Genau so etwas wie Billy wird sehr bald Wirklichkeit sein. Es geht gar nicht anders. Billige Elektronik, billiger Kunststoff und billige Intelligenz werden zusammenkredenzt und mit freien, überall verfügbaren Daten gefüttert, woraus Hunderte von Produkten wie dieser Billy entstehen werden. Solcherart verschrobene Magie entsteht, wenn zwei Innovationen aufeinanderprallen: die Datenflut aus dem Internet und das Meer an Produkten aus den chinesischen Fabriken. Das ist Ihr Internet der Dinge.

Natürlich nicht das Internet der Dinge, von dem wir sonst immer hören. So wie wir, wenn wir über Apps reden, nicht über das mächtige Phänomen, das ich "iFart" nennen möchte, sprechen. Aber für mich ist dies das eigentlich interessante Internet der Dinge. Der nächste Technologiesprung – ob wir ihn nun das Internet der Dinge nennen oder Web 3.0 oder Ubicomp ("ubiquitous computing", also die Allgegenwart der Computer) – wird darin bestehen, dass sich das Internet von den Bildschirmen entfernt und in die Dinge unseres täglichen Lebens eindringt.

"Es entsteht eine Generation neuer, faszinierender Gegenstände – fliegende Roboterpinguine, Quadrocopter, die Tennis spielen können, WLAN-Hasen, die Ihnen die Wettervorhersage mitteilen."

Besonders spannend wird es immer dann, wenn es sich nicht um langweilige Unterhaltungselektronik handelt, um Luftgüteüberwachung oder den allseits gefürchteten Internetkühlschrank. Nein, das Tolle ist die Graswurzel-Innovation, wenn wir einfach ein Päckchen Intelligenz und Konnektivität in unser Salzfässchen stecken, in unsere Bilderrahmen, unter unsere Hutschnur. Nicht weil es einen besonders guten Grund dafür gäbe, sondern einfach, weil wir die Möglichkeit haben, es zu tun. Einfach, weil es immer einfacher wird.

Die originellsten Innovationen entstehen durch Herumblödeln, nicht nur besonders scharfes Nachdenken. Vielleicht passiert all das genau aus diesem Grund: Die Komponenten werden kleiner und billiger, Computer werden zur Wegwerfware, das Netzwerken wird immer einfacher. Aber ich glaube, dass nicht die Technologie selbst uns dazu antreibt. Sondern es ist vor allem eine Generation von Erfindern, die erfahren haben, wie leicht und billig sich Dinge im Internet machen lassen, und dies auch in der realen Welt ausprobieren wollen. Ich finde das mindestens genauso spannend wie das erste Mal, als ich mir einen Browser heruntergeladen habe. Wir sehen, wie die Möglichkeiten und Verbindungen, die im Internet bestehen, aus unseren Geräten in unsere Gegenstände sickern. Gegenstände aus unserem Alltag, aber auch eine Generation neuer, faszinierender Gegenstände – fliegende Roboterpinguine, Quadrocopter, die Tennis spielen können, WLAN-Hasen, die Ihnen die Wettervorhersage mitteilen.

Sie sind anders, weil sie nicht hinter einem Bildschirm existieren, sondern in unserer realen Welt, weil sie greifbar sind, keine Simulationen, sie haben Masse, Bewegung und Geruch. Natürlich gibt es auch beunruhigende Tendenzen, die wir genau im Auge behalten müssen, zum Beispiel die daraus resultierenden Möglichkeiten der Überwachung, den Missbrauch öffentlicher Gelder oder öffentlicher Räume. Aber das Ganze ist eben auch ein großes öffentliches Abenteuer.

Matt Webb, CEO des Design-Beratungsunternehmens BERG mit Sitz in London, hat eine sehr passende Umschreibung für diese Arten von Innovationen. Er nennt sie "fractional AI", in Anlehnung an den "fractional horsepower motor", den elektrischen Kleinstmotor. Frei übersetzt könnte man also sagen: "Künstliche Kleinstintelligenz". Und ihre Geschichte geht so: Als von Motoren angetriebene Maschinen aufkamen und den Menschen bestimmter Arbeiten entledigten, handelte es sich dabei um riesige Gegenstände, so groß wie Fabriken, die umfassende, bedeutende Arbeiten in Industrie und Handel übernahmen. Als die Antriebe kleiner und billiger wurden, drangen sie nach und nach in unsere Haushalte ein und halfen uns beim Waschen, Putzen, Kochen. Hierbei wurden elektrische Kleinstmotoren eingesetzt. Sie haben nicht nur die Industrie, sondern unser aller Leben von Grund auf verändert.

Matt ist nun der Meinung, dasselbe geschehe gerade mit der Künstlichen Intelligenz. Zuerst war sie im Bereich der Informatik angesiedelt, eine ernste, bedeutende Angelegenheit: große Maschinen, wichtige Aufgaben, Gegenstand von Doktorarbeiten. Wenn wir uns in der heutigen Welt nach KI umschauen, sehen wir sie noch in den langweiligsten, gestrigsten Spielzeugen, die durch winzige Mengen Künstlicher Intelligenz und billigste Fernsteuerungen zum Leben erweckt werden.

Kitzel Mich Elmo ist der elektronische Universalrechner der Künstlichen Kleinstintelligenz. Spielzeuge erwachen zum Leben, benehmen sich, als würden sie uns kennen, und wir sind sofort verzaubert. Eine normale Digitalkamera erkennt etwa 20 verschiedene Gesichter. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis diese Art von Intelligenz in die neue Barbie-Puppe eingepflanzt ist und die Puppe Sie mit Namen anreden kann .

Aber das ist nur ein Aspekt der Künstlichen Intelligenz.

Hier ein reales Beispiel. GlowCaps – Tablettenfläschchen, die wissen, wann Sie Ihre Medikamente nehmen müssen – sind in den USA bereits auf dem Markt. Wenn Sie einmal vergessen, Ihre Tabletten zu nehmen, beginnt die Flasche zu glühen, dann zu piepen, dann piepst sie lauter, und am Ende ruft sie Sie auf Ihrem Telefon an. Ja, sie schickt sogar Ihnen und Ihrem Arzt einen wöchentlichen Bericht. Und wenn Sie weiterhin vergessen, Ihre Tabletten zu nehmen, kann es Ihnen auch passieren, dass sie Ihnen den Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika auf den Hals hetzt. Es sind simple Tablettenfläschchen, die nur ein paar Euro kosten, aber sie sind eingespannt in ein Netzwerk der Dinge, der Intelligenz, der Verbindung. Dadurch entsteht etwas, das bislang nicht hatte entstehen können.

Oder denken Sie an den neuen Ford Mustang. Er wird mit zwei Schlüsseln geliefert. Wenn Sie den ersten benutzen, verhält sich das Auto wie ein normales Auto. Mit dem zweiten wird es zu einer rasenden Bestie. Mit zwei Schlüsseln lässt sich ein und dasselbe Auto auf unterschiedliche Weise bedienen. Wenn Sie es jetzt noch mit dem Internet verbinden, kann das Auto sich eigenständig an die Straßenverhältnisse oder Spritpreise anpassen, oder an irgendwelche Tunings, die in den inoffiziellen Netzwerken von Feinmechanikern gerade so ausgetüftelt werden. Denn wenn irgendwo Software drin ist, können Sie sicher sein, dass sie geknackt wird. Hacker haben schon die Roomba-Staubsauger von iRobot frisiert. Da wird der neue Mustang nicht lange warten müssen.

Das einzige Problem mit dieser neuen Welt: Es wird schwieriger, in ihr zu spielen. Das Internet war gerade deshalb so ein riesiger Spaß, weil man sich selbst HTML beibringen und sofort alles erschaffen konnte, was einem gerade einfiel. Okay, man saß halt gefesselt am Rechner, aber man hatte alle Freiheiten, das zu tun, was man wollte. Das Internet der Dinge verhält sich dagegen nicht ganz so einfach. Physische Masse heißt auch physische Reibung. Und wenn Sie in der realen Welt etwas teilen, heißt das: Es gehört Ihnen danach nicht mehr. Das Gute daran ist hingegen, dass es sich noch viel besser anfühlt, wenn Ihnen gelingt, was Sie vorhaben.

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