Frank Stephenson ist der Designer des Ferrari F430, Maserati MC12 und des 2001 MINI. Inzwischen ist er Designdirektor beim britischen Supercar-Hersteller McLaren. Hier erzählt er von den Ideen, Trends und Technologien, die seine Denkweise beeinflussen. In neun kurzen Lektionen beschäftigt er sich mit dem Thema ständiger Veränderung und Innovation und wie diese auf Vermarkter jeder Branche anwendbar sind.

BIOMIMIKRY

Als ich vor ein paar Jahren in der Karibik war, verliebte ich mich in den Fächerfisch. Ich kaufte einen, ließ ihn ausstopfen und schickte ihn dann der Formel-1-Abteilung, wo er wie ein McLaren-Bolide lackiert wurde. Ehe wir das taten, untersuchten wir ihn jedoch auf verschiedene Informationen. Wir fanden heraus, dass die Schuppen kleine Luftwirbel erzeugen, sodass das Wasser den Fisch, wenn er schnell schwimmt, nicht berührt – er bewegt sich über eine Luftgrenze und die Wirbel saugen ihn praktisch nach vorne. Dieses Wissen können wir für die Bereiche um die Einlassschlitze des Autos verwenden, wo eine Menge Luft angesaugt werden muss. Dieses Verfahren wurde nie „erfunden“, es ist in der Natur schon längst da.

SAUBERE KRAFTSTOFFTECHNIK

Vor sieben oder acht Jahren begannen sich die Leute zu fragen, ob sie bei der Kraftstofftechnologie eher auf Hybrid oder auf Wasserstoff setzen sollten. Dabei geht jedoch etwas Merkwürdiges vor sich: Es gibt viele kleine Unternehmen, die Motoren mit Wasserstoff-/Luftverdichtern gebaut haben, doch die Prototypen wurden alle von großen Unternehmen gekauft, die sie dann in der Schublade hielten.

MATERIALIEN

Wir stehen mit vielen Unternehmen auf der ganzen Welt in Verbindung, deren einziges Ziel es ist, uns mit neuen Materialien bekannt zu machen, seien es neue Textilien, Legierungen, Kunststoffe oder Gummi. Unsere Rolle ist zu überlegen, wie wir diese Materialien nutzen können, ob sie überhaupt von Nutzen für uns sind.

OPTIMIERUNG

Es gibt Leute, die McLaren vorwerfen, wir hätten kein anderes Ziel, als den Wunsch nach etwas unnötig „Besserem“ zu erfüllen. Aber eigentlich geht es nur darum, Technologie nach unten zu filtern. Wir bauen einen Wagen der Königsklasse, einen der Superklasse und einen Sportwagen. Bei der Königsklasse verwenden wir eine Wanne aus Carbonfasern, die früher einmal 160.000 Dollar kostete. Beim SLR waren wir schon runter auf 50.000 Dollar. Beim 12C schließlich waren es noch 10.000 Dollar, so dass jetzt mehr Leute davon profitieren.

HOLOGRAMME

Letztes Weihnachten besuchte ich ein Unternehmen in London, das Hologrammtechnik entwickelt. Ich sitze da auf der Couch und ein Mädchen und ein Typ führen einen Tanz vor. Das geht etwa drei Minuten so, dann fragt mich der Typ vom Unternehmen: „Wer ist echt und wer nicht?“ Ich war völlig verblüfft: „Was?!“ Die Lichter waren an und sie waren nicht zu unterscheiden. Das hat mich echt umgehauen.

Letztes Weihnachten besuchte ich ein Unternehmen in London, das Hologrammtechnik entwickelt. Das hat mich echt umgehauen.

DIGITALES RENDERING

Herkömmlicherweise bestand Design darin, dass man ein Blatt Papier nahm und ein paar schnelle Bleistiftskizzen machte. Heute dagegen nutzen viele Studenten digitales Rendering, d.h. sie erzeugen ihr Design in einem 3D-Datenmodell. Dabei kann man natürlich mehr Risiken eingehen, weil man nicht befürchten muss, acht Stunden an einer Zeichnung zu sitzen und sie dann doch wegwerfen und noch einmal von vorne anfangen zu müssen. Die Geschwindigkeit ist wirklich wichtig – man kann Tausende Ideen ausprobieren, wo es vorher nur eine war.

SCHÖNE EFFIZIENZ

Wenn man etwas sieht, das funktioniert, ist das schön. Die Schönheit reiner Funktion ist verführerisch. Ein Pferd würde man nicht umgestalten, weil es mit kürzerem Hals besser aussähe. Es funktioniert so, wie es ist, also ist es schön. Bei McLaren versuchen wir einen in der Welt der Sportwagen einzigartigen Stil zu entwickeln. Das Konzept, auf das wir zusteuern, ist reine Effizienz – vergleichbar einem Vakuum, bei dem die Oberfläche des Modells wie eine Folie über die harten Punkte gelegt ist. Und indem wir etwas Effizientes schaffen, das perfekt funktioniert, werden wir etwas Schönes geschaffen haben.

ÜBERKOMMENE WAHRHEITEN HINTERFRAGEN

Jedes Auto der Geschichte hatte einen Scheibenwischer. Vor Kurzem aber war ich auf einem Militärflughafen und habe die Leute dort gefragt, warum moderne Flugzeuge keine haben. Ich erfuhr, dass es eine sehr preisgünstige Technologie gibt, die dazu führt, dass überhaupt nichts an der Frontscheibe haften bleibt, aber niemand setzt sie in der Automobilindustrie ein. Was wäre also, wenn wir sie auch für unsere Autos verwenden würden? Die Scheibenwischerfirmen würden zumachen müssen, ebenso die Hersteller von Scheibenwaschflüssigkeit, aber das ist nun mal der Preis der Innovation. Wenn man irgendwo eine neue Richtung einschlägt, muss man immer irgendetwas dafür opfern.

INTENSITÄT BEIBEHALTEN

In unserem Studio haben wir ein sehr kleines Team. Das ist so wie bei der Küche, wo zu viele Köche den Brei verderben. Je intensiver die Atmosphäre sein kann, desto interessanter werden die Produkte sein.