Jared Cohen, Director von Google Ideas, erklärt wie der „Think-Do-Tank“ mit offenen Technologielösungen Menschen helfen kann, einige der größten Probleme dieser Welt zu bekämpfen.

Es kommt nicht oft vor, dass ein multinationales Unternehmen die Gesellschaft von Waffenhändlern, Drogendealern, Geldwäschern und Menschenschmugglern aufsucht. Doch genau das ist im Juli diesen Jahres bei Illicit Networks passiert: Forces in Opposition (INFO), ein zweitägiges Gipfeltreffen, zu dem Google Ideas in Los Angeles zusammengerufen hatte.

Auf der Tagesordnung: Reformierte Kriminelle mit ehemaligen Opfern, Überlebenden und Experten zusammenzubringen, um Lösungen für die größten Herausforderungen der Welt zu finden. Googles Rolle in dieser Sache? Neues Fachwissen in der Gestalt von Technologen einzubringen.

Google Ideas ist ein „Think-Do-Tank“ - mit dem Ziel, zu erforschen, wie Technologie für diejenigen, die in globalen Fragen direkt an vorderster Front kämpfen, etwas bewegen kann. Bei derartig weitreichenden Problemen müssen wir damit beginnen, Barrieren abzureißen und Dinge zugänglich zu machen. Das kann bedeuten, Lösungen für gemeinsame Probleme frei zugänglich zur Verfügung zu stellen, gesetzeswidrige Netzwerkaktivitäten transparent zu machen oder einfach nur Kommunikation zu ermöglichen, wo es vorher keine gab.

Bei INFO bedeutete dies, Menschen wie Okello Sam zuzuhören. Okello war 16 Jahre alt, als die Rebellenarmee ihn aus seinem Dorf im nördlichen Uganda herausriss. „Wenn sie dich kriegen, verlierst du deine Menschlichkeit“, erzählte Okello dem Publikum in LA. „Sie foltern dich, sie bringen dich mit Drogen in Kontakt, sie zwingen dich dazu, Menschen zu töten, die dir nahestehen.“

Okello hatte Glück. Er überlebte. Heute leitet er Hope North, eine weiterführende Schule, die mehr als 3000 gefährdeten Jugendlichen zu einer Ausbildung verholfen hat. Als Kindersoldat hat er all die Dinge miterlebt, die zentrales Thema dieses Gipfeltreffens waren: Drogenhandel, illegaler Waffenhandel, Sexsklaverei. Er konnte so wichtige Einblicke geben und aufzeigen, wie Technologie Kriegsherren schwächen kann, indem sie den Dorfbewohnern zu mehr Stärke verhilft.

Bei INFO hatten wir die Möglichkeit, Menschen wie Okello und Innovatoren wie Brasiliens Igarapé Institute zusammenzubringen; ein Institut, mit dem wir an einem Projekt arbeiten, um den globalen Handel von AK-47 Waffen abzubilden, indem wir mehr als eine Millionen Datenpunkte über Importe und Exporte von Handfeuerwaffen, leichten Waffen und Munition verarbeiten. In so einem Moment wird die Aussage eines Augenzeugen zum Ausgangspunkt für Maßnahmen – und Veränderung.

Dies ist ein Modell der Zusammenarbeit, das wir letztes Jahr erstmals für unseren in Dublin (Irland) veranstalteten Summit Against Violent Extremism entwickelt haben. In Zusammenarbeit mit reformierten Gangmitgliedern, früheren Dschihadisten und ehemaligen Neonazis, die nun jungen Menschen helfen ihr Leben umzukrempeln oder potenzielle Opfer beschützen, haben wir überlegt, wie wir sie am besten dabei unterstützen können, bewährte Verfahrensweisen auszutauschen und ihre Arbeit zu verbessern.

Die ganze Technologie ist Teil der Lösung. Letzten Endes ist es aber nicht die Technologie, die junge Leute aus Gangs und extremistischen Gruppen herausholt. Das tun die Menschen. Die Technik hilft ihnen, effektiver zu arbeiten und mehr zu bewirken. In Zusammenarbeit mit Londons Institute for Strategic Dialogue (ISD) haben wir das Netzwerk „Against Violent Extremism” gegründet, eine Plattform, die dem Austausch über die bestmögliche Nutzung technologischen Potenzials dient. ISD betreibt das Netzwerk nun in Vollzeit.

Die ganze Technologie ist Teil der Lösung. Letzten Endes ist es aber nicht die Technologie, die junge Leute aus Gangs und extremistischen Gruppen herausholt. Das tun die Menschen. Die Technik hilft ihnen, effektiver zu arbeiten und mehr zu bewirken.

Kriminelle Netzwerke eignen sich neue Technologien häufig schnell an. Wir sind jedoch der Meinung, dass dieselbe Technologie es auch deren Gegnern ermöglichen kann, einen Schritt voraus zu sein. Eine der Herausforderungen beim Aufspüren illegaler Netzwerke ist ihre schiere Größe - Grenzen halten Drogenkartelle, Waffenschmuggler oder Organhändler nicht auf. Bei Google ist es unsere Stärke, Trends und Muster in großen Datenmengen aufzuspüren und diese Ergebnisse dann übersichtlich abzubilden. Auf diese Art konnten wir Werkzeuge für Al Dschasira und die Menschenrechtsorganisation Movements.org zur Verfügung stellen, um das Überlaufen von Diplomaten, erfahrenen militärischen Amtsträgern und Parlamentsmitgliedern des Regimes des syrischen Präsidenten Bashar al-Assad zu visualisieren.

Wir haben die gleiche Herangehensweise verwendet, um Kate Willson zu unterstützen - eine Enthüllungsjournalistin, deren Berichterstattung über Schwarzmärkte sie durch USA, Europa und Ostasien führte. Wir führten die Berichterstattungstechniken von Kate und ihrem Team im International Consortium of Investigative Journalists mit Palantir Technologies zusammen, einer Softwarefirma, die gerade dabei ist, die Art und Weise, in der Informationen analysiert werden, radikal zu verändern.

Ihre Zusammenarbeit resultierte in einer vierteiligen Enthüllungsserie über globalen Handel und illegalen Organhandel, die im Juli veröffentlicht wurde. Die Serie erläuterte, wie Haut, Knochen und Sehnen manchmal illegal aus Toten entnommen, über illegale Netzwerke transportiert und in medizinischen Verfahren eingesetzt werden, welche die Patientensicherheit gefährden.

Palantir's Analysesoftware half den Journalisten dabei, diese komplizierten Netzwerke abzubilden. „Diese Unternehmen und ihre Operationen stricken ein komplexes Netzwerk rund um den Globus“, berichtete Kate den Teilnehmern des INFO Gipfeltreffens. „Aber diese Verbindungen liegen unter Papier- und Datenbergen verborgen. Letztendlich haben wir mehr als eine Million Unternehmen, Menschen, Unterlagen und Ereignisse ins System eingespeist.“

Projekte wie dieses zeigen, wie wir Gruppen helfen können, Technologien bei ihrer Arbeit sinnvoller einzusetzen. Es geht nicht darum, das Rad neu zu erfinden, sondern vielmehr darum, es effizienter und leistungsfähiger zu machen.

Technologie in einen neuen Kontext zu setzen kann eine machtvolle Wirkung haben. In Somalia wird die Stimme des Volkes selten gehört. Wir haben versucht, das zu ändern, indem wir eine Open-Source-Software entwickelt haben, welche die erste öffentliche Meinungsumfrage in Somalia ermöglichte. Im Rahmen dieser Umfrage befragte Voice of America mehr als 3000 Somalier im ganzen Land sowie in einem kenianischen Flüchtlingscamp zu der Art von Verfassung und Regierung, die sie gerne für ihr Land sehen würden.

Das Ergebnis gab der Welt einen seltenen Einblick in den fragilen Staat - und den Somaliern eine Momentaufnahme ihrer Selbstwahrnehmung als Nation des 21. Jahrhunderts. 87 % zum Beispiel stimmten nachdrücklich zu, dass die Scharia Grundlage des Bürger- und Strafrechtes sein sollte. Hinsichtlich des Stellenwertes der Frau entfernten sich die Somalier jedoch von der strengen Auslegung der Scharia – 77 % der Frauen und 58 % der Männer stimmten darin überein, dass Frauen am politischen Leben teilnehmen sollten.

„Eine Umfrage in einem Land wie Somalia durchzuführen ist eine unglaubliche Herausforderung“, gab Gwen Dillard, VOA Africa Division Director, zu. Aber die Herausforderung ist auch Teil der Anziehungskraft. Mit der Einführung von Technologie in einem Land, das 1991 zusammenbrach, ergab sich die Gelegenheit festzustellen, inwiefern effektivere Kommunikation und Informationsaustausch dazu beitragen könnten, gewaltsame Auseinandersetzungen zu vermeiden und Stabilität zu fördern.

Google ist kein Staat und hat auch keine Außenpolitik, doch als Unternehmen haben wir Werte. Wir glauben, dass Technologie eine befähigende Kraft verkörpert. Selbst wenn Technologie ein Teil des Problems darstellt, ist sie auch ein Teil der Lösung.

Eine Gruppe nordkoreanischer Überläufer, die bei INFO die Geschichte ihrer Flucht durch China und Südkorea teilten, beschrieben, wie das Potenzial für Technologie Leben verändern kann. Sie sprachen über die Dunkelheit einer jeden Gesellschaft, der der Zugang zu Informationen vorenthalten bleibt, und über das Licht, das sogar einfache Geräte wie Handys bringen können.

Wir arbeiten in all unseren Projekten mit Partnern zusammen, die schon großartige Dinge vor Ort leisten. Wir wollen den echten Experten, die diesen Herausforderungen gegenüber stehen, Tools zur Verfügung stellen. Wir hoffen, dass diese Projekte eine Präzedenzwirkung haben, wie sich Technologie positiv einsetzen lässt, sodass man sie in größerem Umfang nutzen kann. Selbst wenn wir die Richtung ein wenig versetzen, können wir andere Organisationen dazu inspirieren, Ähnliches zu tun und die Macht der Technologie dazu einzusetzen, das Leben von Menschen zu verbessern.