Wie kann man einer Katastrophe wie der undichten BP-Ölquelle etwas Gutes abgewinnen? Bedenken Sie, dass die notwendigen Arbeiten zur Bekämpfung der Ölpest einen positiven Effekt auf das amerikanische Bruttoinlandsprodukt hatten. Vielleicht haben Katastrophen wie diese mehrere westliche Länder dazu gebracht, ihren Wohlstand nicht mehr nur mit dem Bruttoinlandsprodukt zu messen, sondern auch mit Faktoren wie Vermögen, Verbrechen, Wohnungsbau und Ungleichheit. Dieser neue „Glücksindex“ könnte ein genaueres Maß für das Wachstum und die Wirtschaft von Nationen sein und zudem – was noch wichtiger ist – für die Stabilität und Nachhaltigkeit.

Man würde nicht erwarten, dass ein Professor der Psychologie aus Pennsylvania britische Beamte darin unterrichtet, glücklich zu sein. Aber genau das machte Marty Seligman diesen Sommer in London: Er half Whitehall zu verstehen, was Wohlbefinden ausmacht.

Seligman hat schon oft schwierige Aufgaben übernommen. Der Experte für Positive Psychologie wurde von der amerikanischen Armee beauftragt, ein „Belastbarkeitsprogramm“ zu entwickeln, das Soldaten hilft, den Gefechtsstress besser zu bewältigen. Nun versucht er, dem Rest der Welt dabei zu helfen, zufriedener zu werden. Und die Regierungen hören auf ihn.

Da viele große Ökonomien unter den Auswirkungen der Rezession leiden, versuchen Regierungen einen Weg zu finden, ihre Gesellschaften neu zu bewerten – nicht anhand der Geldmenge, die sie erwirtschaften, sondern anhand der Zufriedenheit ihrer Bevölkerung. Im Februar 2012 trafen sich Experten der größten Industrieländer in Paris bei einem Gipfel zu dieser Frage. Die klügsten Köpfe werden Geld, Zeit und Anstrengung aufwenden, um etwas zu entwickeln, das sie noch nicht verstehen, das aber trotzdem funktionieren soll. „Glück kann man nicht in einer Tabelle abbilden“, sagte der britische Premierminister David Cameron. Warum dann all die Mühe?

Bislang werden unsere Leben von einem Messwert bestimmt: dem Bruttoinlandsprodukt bzw. BIP. Eine Rezession liegt beispielsweise dann vor, wenn das BIP in zwei aufeinanderfolgenden Quartalen sinkt – aber was bedeutet das wirklich?

Die Idee, dass eine Kennzahl die Wirtschaftskraft eines Landes beschreibt, stammt von Simon Kuznets, einem amerikanischen Ökonomen. Es war im Jahr 1937 und die USA erholten sich gerade von der Weltwirtschaftskrise. Die Idee, die Kuznets in dem Jahr dem US-Kongress vorstellte, war simpel: Man misst alles, was Unternehmen, Menschen und die Regierung produzieren. Das ergibt eine Zahl, die alles umfasst, was die Wirtschaft produziert. Sie steigt in guten Jahren und sinkt in schlechten.

Was das BIP nicht abbildet, ist allerdings wohl wichtiger als das, was es erfasst. Robert Kennedy wandte ein, dass das BIP nicht die Gesundheit von Kindern, die Qualität ihrer Bildung und das Glück, das sie beim Spielen empfinden, misst. Es misst weder unser Wissen oder unsere Lernfähigkeit noch unser Mitgefühl oder unsere Vaterlandsliebe. Es misst – kurz gesagt – alles, nur nicht das, was das Leben lebenswert macht.“ Selbst Kuznets gab zu, dass „das Wohlergehen einer Nation kaum von dem nationalen Einkommen abgeleitet werden kann“.

Und es ist ein verkehrter Messwert. Weil es beim BIP nur um Produktion geht, bewertet es nicht den Zustand der Umwelt, den Unterschied zwischen Arm und Reich, wie groß das Vermögen einer Nation und wie nachhaltig das Wachstum tatsächlich ist. Bei einer großen Katastrophe wie z. B. der Ölpest im Golf von Mexiko ergibt sich ein positiver Effekt auf das BIP, weil die Ökonomie anzieht, wenn man versucht, die Schäden zu beheben.

Dieser unheilvolle Einfluss auf das BIP motiviert den Paten des Wohlbefindens, Professor Joseph Stiglitz. Der frühere Chefökonom der Weltbank, Nobelpreisgewinner und Professor an der Columbia behauptet, dass die Besessenheit vom BIP zur amerikanische Immobilienblase beigetragen hat, die jetzt geplatzt ist. „In den Jahren vor der Krise haben viele Europäer gesagt, man müsse das amerikanische System übernehmen, weil das BIP stärker gewachsen ist. Als Amerikaner habe ich die Schwächen eher gesehen – den Umstand, dass es den meisten Amerikanern von Jahr zu Jahr schlechter ging, dass unser Wachstum auf einer Blase basierte und es Preisverzerrungen gab“, erklärt er.

Die Antwort darauf lautet, etwas Anderes zu messen – etwas, das breiter gefasst ist als „Glück“. Das Glück ist nicht greifbar. Wohlbefinden dagegen ist messbar wie die Konjunktur.

Es war der französische Präsident Nicolas Sarkozy, der Stiglitz bat, andere Methoden zu suchen, mit denen man den Wohlstand einer Nation messen kann, während Frankreich den Vorsitz der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) innehatte. Das Wohlbefinden wird nun in den USA, Kanada, Australien, Frankreich, Italien und Spanien untersucht. In Deutschland, Norwegen und Dänemark gibt es Parlamentsausschüsse, die sich mit dem Thema beschäftigen. Die OECD hat den Better Life Index ins Leben gerufen. Nun kann man online gehen und Länder anhand unterschiedlicher Indikatoren vergleichen (z. B. Vermögen, Sicherheit, Wohnen und Ungleichheit).

In Großbritannien interessiert sich David Cameron ganz besonders für dieses Thema und hat die Nationalstatistikerin Jill Matheson vom Office for National Statistics gebeten, im Rahmen eines Projekts herauszufinden, wie man Wohlbefinden messen kann. Dieses Projekt wird jährlich mit 3,2 Mio. US-Dollar unterstützt. Das britische Projekt wird von dem Strategie-Profi David Halpern geleitet. Er ist eine Schlüsselfigur in Camerons Expertengremium und Leiter des Behavioural Insight Team. Halpern hat schon zuvor für Tony Blairs Regierung gearbeitet.

Das Glück ist nicht greifbar. Wohlbefinden dagegen ist messbar wie die Konjunktur.

Als Blair das Thema anging und eine Studie in Auftrag gab, passierte nur wenig. Aber Cameron, damals noch in der Opposition, saugte alles wie ein Schwamm auf. Halpern sagt, das Projekt „ist sehr demokratisch, weil es von dem, was die Menschen wirklich wollen, motiviert ist. Bezahlte Tätigkeit ist nur ein kleiner Teil des Lebens“, merkt er an. „Wenn wir Zeit mit Freunden verbringen oder fernschauen, ist das sehr bedeutsam, aber das messen wir nicht.“

Für Jill Matheson bietet sich nun die Chance, dies zu verändern. Das ONS hat schon damit begonnen, 200.000 Personen zu ihrem Wohlbefinden, ihren Ängsten und ihrem Stress zu befragen – den sogenannten „subjektiven“ Faktoren. Matheson hat auch einen wichtigen Bericht darüber abgeliefert, wie man die „objektiven“ Faktoren betrachten kann – Vermögen, Einkommen, Kindheit und Ungleichheit. In diesem Oktober wird das ONS einen detaillierten Vorschlag darüber abliefern, wie man diese Faktoren messen kann.

Matheson lehnt das Urteil der Medien ab, dass dieses Thema zu „schwammig“ sei und Ergebnisse liefern würde, die man nicht mit den harten, im BIP zusammengefassten Daten vergleichen könne. „Das macht mich stutzig“, sagt sie. „Ich verstehe nicht, was daran schwammig ist, wenn man Menschen zu ihrem Leben befragt. Auch diese Dinge kann man messen. Wenn die Ergebnisse erstmal auf dem Tisch liegen, wird diese Bezeichnung verschwinden.“ Marty Seligman stimmt zu, dass dies ungefähr genauso gut gemessen werden kann wie „Schizophrenie, Depression und Alkoholismus. [Das ist] noch nicht perfekt, aber psychometrisch seriös.“

Allerdings scheint es eher unwahrscheinlich, dass wir einen einzigen „Glücksindex“ kriegen werden – eine Zahl, die so wie das BIP für das Vermögen zeigt, wie glücklich wir sind. Nicht zuletzt, weil sich die internationale Gemeinschaft nie auf eine Zahl festlegte. „Wir sind noch weit entfernt von einem einzigen Indikator“, gibt Matheson zu.

Stiglitz stimmt dem zu und findet nicht, dass es einen geben sollte. „Ein einzelner Indikator wäre nicht adäquat, um das zu beschreiben, was da vorgeht“, erläutert er. „Wenn Sie fahren, möchten Sie zwei Dinge wissen: Wie schnell Sie sich fortbewegen, beispielsweise 80 Kilometer pro Stunde, und wie lange Ihr Benzin noch reicht, sagen wir 240 Kilometer. Während diese beiden Zahlen für sich genommen von großer Bedeutung sind, erhält man kompletten Unsinn, wenn man sie addiert.“

Aber wie kriegt man Politiker und – wichtiger noch – deren Finanzministerien dazu, dies zu bemerken? Laut David Halpern könnte eine Messung des Wohlbefindens einen großen Einfluss auf die Politik haben. Nehmen wir zum Beispiel die Maßnahme der britischen Regierung, Postämter zu schließen, um Kosten zu reduzieren. „Da Postämter teuer sind, ist die Lösung, sie zu schließen. Aber machen sie noch etwas Anderes, das wir nicht sehen?“, fragt Halpern.

Auf den Einwand, die Debatte ums Wohlbefinden sei eine Idee für den reichen Westen, erwidert Stiglitz, dass sie für die Schwellenländer noch wichtiger sei. Der Umstand, dass ein Unternehmen die Umwelt eines Landes zerstört, kann beispielsweise zur Erhöhung des BIP dieses Landes führen, aber dann fließt wenig Geld in die Wirtschaft zurück und schädigt somit das Wohlbefinden. „Einige der größten Differenzen zwischen BIP und Wohlbefinden sieht man in Schwellenländern“, sagt er.

Marty Seligman, dessen Theorien über Positive Psychologie sowohl auf amerikanischen wie britischen Unis untersucht werden, hält die Anstrengungen für ermutigend, aber unzureichend. Vor allem über Großbritannien sagt er: „Downing Street interessiert sich ernsthaft für die Messung von Wohlbefinden und die Möglichkeit, die öffentliche Politik dementsprechend zu messen. Die Regierung wird von der Wissenschaft beraten, was ja schon mal ein guter erster Schritt ist. Aber das Wohlbefinden einer Nation oder der Erfolg einer Person ist mehr als die subjektive Bewertung von Lebenszufriedenheit. Dies ist die PERMA-Theorie von Seligman: Positive Gefühle, Engagement, Beziehungen, Bedeutung und Errungenschaften.

Wenn man Experten für das Wohlbefinden fragt, was sie glücklich macht, erhält man ganz unterschiedliche Antworten. Für Jill Matheson ist es, sich anzusehen, wie ihre Fußballmannschaft, Derby County, gewinnt. („Was wahrscheinlich heißt, dass ich ein ziemlich erbärmliches Dasein führe.“) Für Marty Seligman ist es, daheim mit seiner Familie The Sound of Music anzusehen und dann im Internet Bridge zu spielen.

Und Joseph Stiglitz? Familie, natürlich, und Arbeit. Er ist gerade von einem wichtigen Besuch der krisengeschüttelten Länder Griechenland, Ägypten und Spanien zurückgekehrt. „Geld ist meinem Wohlbefinden insofern förderlich, weil es mir Sicherheit verleiht“, sagt er, „vor allem, wenn ich mich mit anderen Menschen vergleiche, denen es schlechter geht, und ich sehe, wie sie sich immerfort abmühen, um zurechtzukommen, und wie viel Energie sie dies kostet.“

Aber was tut er, um sich zu entspannen? Fotografieren, wie sich herausstellt. „Ich mache gern Fotos“, erzählt er. Und dann lacht er. „Aber dazu fehlt mir die Zeit.“