Indem digitale Technologie die Form unserer Medien verändert, wird eine Vielfalt an Stimmen an eine weltweite Öffentlichkeit gebracht. Wir betrachten den Anstieg und die Auswirkungen des Datenjournalismus.

Der traditionelle Journalismus - Verleger, Redakteure und Journalisten beauftragen, schreiben und bearbeiten unter dem fluoreszierenden Licht in der Redaktion ohne Zutun der Öffentlichkeit ihre Artikel - wurde ernsthaft gestört. Die Öffentlichkeit will sich beteiligen - und verfügt jetzt auch über die Mittel, um Journalisten und Machtinhaber herauszufordern. Wir können tatsächlich beobachten, wie sich langsam eine neue Verknüpfung zwischen Medien, Bürgern und deren potenziellen Einwirkungen auf Geschehnisse abzeichnet.

Datenjournalismus - oder die umfassendere Art, Nachrichten zu produzieren - hat verschiedene Wurzeln. Doch der Kern liegt in einer starken Kombination aus Wirtschaftsrückgang, digitaler Technologie und weltweitem Netzwerk-Aktivismus.

Zuerst die Wirtschaft. Die letzten Zahlen aus den USA deuten nur mäßigen Aufschwung an. Von dem Vereinigten Königreich sagt man, dass es in der schlimmsten Doppelrezession der letzten 50 Jahre steckt. Mit Ausnahme von Deutschland befindet sich ganz Europa entweder in einer Rezession oder in einem Überlebenskampf. Da ist es natürlich kein Wunder, dass die kommerziellen Medien, deren Geschäfte zum Großteil auf Werbeeinnahmen beruhen, Mühe haben, mit dem derzeitigen Klima zurechtzukommen.

Dazu kommt Technologie. Das Internet hat Marken einen neuen Markt geboten, über den sie sich mit Konsumenten verknüpfen können, und sie sind dabei, diesen jetzt auch anzunehmen. Laut einer Studie vonGlobal AdView Pulse sind im ersten Quartal 2012 die digitalen Werbekosten um 12,1 Prozent gestiegen und haben damit alle anderen Medien überrundet. Es war nicht leicht, vor allem für die Print-Medien, da viele Zeitungen und Magazine noch einen Weg finden müssen, um einen Online-Profit zu erzielen. Diese schwierige Kombination hat eine lang etablierte Geschäftsform - gewinnorientierte Unternehmen verkaufen Zielgruppen an die Werbetreibenden - in eine Art Krise getrieben. Sie werden gezwungen, sich nach anderen Einnahmequellen umzusehen. Sie müssen neue Wege finden, die Menschen zu begeistern, Gemeinschaften schaffen und diese dann auch zu Geld machen.

Dazu kommt die Occupy-Bewegung. Von Wall Street bis zum Arabischen Frühling, zu den Straßen von Athen und Madrid - junge Menschen sind immer vernetzter - und wütender. Diese weltweite Aktivismuswelle verschiebt den Zeitgeist von Selbstabsorption hin zur Solidarität, während ein Verlangen nach echter Demokratie aufkommt. Die Menschen wollen teilnehmen, eine Stimme haben und eine Rolle dabei spielen, eine Welt zu beschreiben, die sich in der Krise befindet. Und wo immer eine Krise ist, tut sich auch eine Tür auf. Aus diesem Blickwinkel betrachtet, wird Datenjournalismus zu einer Erweiterung des Zuccotti Parks, einem Zusatz der arabischen Aufstände, und zu einem wichtigen Zahnrad für den allgemeinen Ruf nach sozialer Gerechtigkeit.

Der Umsturz erinnert an die Einführung von Gutenbergs Druckerpresse vor über 500 Jahren, und viele Medienunternehmen müssen sich erst noch zurechtfinden. Wie Rebecca Mac Kinnon, die Mitbegründerin von Global Voices Online sagt: „Die neuen Organisationen, die herausfinden, wie man die besten Aspekte des professionellen Journalismus mit den Realitäten einer Netzwerk-Community verbindet, gehören zu denen, die überleben und auf lange Sicht erfolgreich sein werden - falls sie ein Geschäftsmodell erarbeiten können.‟

Die Nachrichtenorganisationen, die herausfinden, wie man die besten Aspekte des professionellen Journalismus mit den Realitäten einer Netzwerk-Gesellschaft vereint, werden überleben und auf lange Sicht erfolgreich sein.

Global Voice verleiht seit sieben Jahren Menschen, die sonst nicht gehört werden, eine Stimme, und bringt Licht ins Dunkel, das nur wenige kennen. Die Website ist gemeinnützig und hat keine echten Büros. Sie kuratiert, kontextualisiert und übersetzt die Arbeiten von Bürgerjournalisten durch eigene Blogs, YouTube-Kanäle, Twitter-Feeds und andere Medienplattformen für Bürger. „Wir waren Pioniere des Modells der kuratierten Gespräche aus der internationalen Blogosphäre‟, sagt MacKinnon, „etwas, das auf vielen Nachrichten-Websites alltäglich geworden ist, vor allem während Eilmeldungsereignissen wie dem arabischen Frühling.‟

Innerhalb der etablierten Presse gehörte der Guardian aus dem Vereinigten Königreich zu den schnellsten Medien, auf die der Begriff „offener Journalismus” zutraf. Der Redakteur Alan Rusbridger bezeichnet es sogar als „Betriebsmodell¨. „Wir befinden uns nicht im Gutenberg-Zeitalter, als die Kommunikationsfähigkeit in den Händen weniger lag“, erklärte Rusbridger. „Jeder kann jetzt schreiben, publizieren und seine Arbeit verteilen. Warum sollte man diese Leute nicht einladen, das mit uns zu tun - oder zumindest das, was sie zu sagen haben, in das, was wir zu sagen haben, einzubinden? Wir machen es, weil es ein vollständigeres Bild abgibt. Mit anderen Worten, es ist journalistisch besser. Und wir machen es, da sie es einfach woanders tun würden, wenn wir uns nicht öffnen. Warum gegeneinander antreten, wenn wir zusammenarbeiten können? Es macht kommerziell mehr Sinn.“

Seit der Berichterstattung des arabischen Frühlings zu den englischen Aufständen im letzten Sommer oder dem Tod des Nachrichtenverkäufers Ian Tomlinsonwährend Unruhen beim G20-Gipfel in London 2009 verhilft die Öffentlichkeit dem Guardian dazu, die Geschichte zu vermitteln. „Ein Beispiel war unsere Reportage über die Unruhen im letzten Jahr, als einer unserer Journalisten, Paul Lewis, vier Tage und Nächte lang der Aktion durch England folgte. Er wurde von einem Netzwerk von Anhängern auf Twitter geleitet, was auch als seine erste Plattform für die Veröffentlichung diente. Die Informationen, die er erhielt, lenkten ihn direkt zu bestimmten Konfliktherden, und er konnte Geschehnisse beobachten, die andernfalls ungemeldet geblieben wären. Am Ende der vier Tage hatte Paul 35.000 neue Anhänger zusammengetragen - spätere Analysen zeigten, dass sein Feed der einflussreichste aller Medienorganisationen war.‟

Neben ihren Beiträgen zu den Nachrichten sind Bürger auch manchmal in der Lage, die traditionellen Stellen komplett zu umgehen. Ägyptens berühmt-berüchtigter „Tag des Zorns” ist ein gutes Beispiel. Am 28. Januar 2011 haben Fußballfans die Qasr al-Nil-Brücke von der aufständischen Polizei übernommen. Das war der Moment, in dem Mubaraks Clique effektiv die Kontrolle verlor. Das Ereignis wurde mit Handys fotografiert, auf YouTube gepostet - und war schnell für Leute in Ägypten und in der gesamten Region verfügbar. „Das wäre niemals im Staatsfernsehen gezeigt worden”, sagt Paul Mason von der BBC, „und sogar ein unkritisches und neutrales TV-Netzwerk hätte es niemals vollständig gezeigt.“ Zwei Wochen später wurde Mubarak abgesetzt.

Mason, der die aktuellsten globalen Aufstände in seinem Buch Why It’s Kicking Off Everywhere aufgezeichnet hat, sagt, dass die flüssige Art und Weise der Informationen über soziale Medien allmählich etablierte Wege der Berichterstattung untergräbt. „Ich kann sehen, wie Videonachrichten zu einer Serie von unvermittelten, kaum bearbeiteten oder kommentierten Clips werden, die über Twitter ausgestreut werden und die traditionelle Live-Berichterstattung überflüssig machen.“ Amateurnachrichten, argumentiert er, können zuverlässiger sein als die im Fernsehen gezeigten professionell produzierten Beiträge. Er fügte hinzu, dass „Crowdsourcing- Nachrichten schneller und sofort kontrollierbar sein können, und nicht anfällig für Manipulation durch schlechte Schauspieler im Nachrichten-Management oder - vor allem in den frühen Phasen - Zensurbestimmungen sind. Viele der Fernsehnachrichten wirken mit den aalglatten, überfreundlichen Leuten bereits künstlich und falsch.“

Mason sagt, dass sich sogar die Wettbewerbsorientierung des Nachrichtenjournalismus verändert, um das „kooperative Konkurrenz“-Modell, welches in anderen Netzwerkindustrien gefunden wird, zu reflektieren. „Das Aufkommen von offenen Peer-Groups unter Journalisten, vor allem auf Twitter, beeinflusst die Art, wie ich Rohmaterial für Nachrichten bekomme, und steigert die Klarheit“, sagt er. „Bei einer EU-Konferenz werden einige von uns noch versuchen, einen Treffer zu landen. Doch sobald es jemand schafft, wird der Ablauf über Retweets und Beiträge gemeinschaftlicher abgewickelt. Alles gehört zum Arbeitsablauf: Ein Tweet führt zu einem Blog; ein Blog führt zu einem Feature; Sie tweeten das Feature; Sie tweeten einen Link zum Werk einer anderen Person, die Sie inspiriert hat, oder eine Reaktion auf Ihren Beitrag. Und plötzlich gibt es eine bewegliche Ökosphäre des Wissens statt einer festen Hierarchie."

Auch Google spielt in dieser aufstrebenden Nachrichtenwelt eine Rolle. Google Newsträgt Berichte aus weltweit über 45.0000 Quellen zusammen. Dieses Produkt wurde als Auswirkung auf die Terroranschläge vom 9. September erfunden. Krishna Bharat, Research Scientist bei Google, war frustriert, wie lange es dauerte, das Internet „zu Fuß‟ manuell nach Informationen über den Anschlag zu durchsuchen. „Urheber im Internet hatten noch keine zentrale Stelle mit Links zu Artikeln über die Sache erstellt, weil der Inhalt brandneu war‟, sagt Bharat. „Da Google Anwendern ja bei der Suche von Informationen behilflich ist, dachte ich mir, dass man automatisch Bündel von Links zu den brandneuen Inhalten für die Top-Berichte des Tages erstellen könnte.‟ Das interne Feedback war so positiv, dass das Unternehmen sich entschied, es innerhalb von sechs Monaten zu einem vollwertigen Produkt zu machen.

Google News demokratisiert vielleicht nicht direkt die Nachrichtenproduktion, aber es stellt sicherlich die größtmögliche Auswahl an Quellen zur Verfügung. „Für jedes gegebene Thema bieten wir effizienten Zugriff auf alle Nachrichtenartikel, die zu dieser Story veröffentlicht wurden, aus Quellen in der ganzen Welt‟, erklärt Bharat. „Sie müssen auf der Suche nach relevanten Inhalten nicht mehr das gesamte Internet durchstöbern. Das machen unsere Alogrithmen für Sie, ständig, in Echtzeit, für jede Story und in jeder Sprache. Jedes Mal, wenn Sie auf eine Story bei Google News oder News Search treffen, sehen Sie nicht nur den Leitartikel, sondern auch eine Fülle themenbezogener Optionen, die Sie sich durchlesen oder ansehen können.“

Laut Bharat hilft das lokalen und kleinen Herausgebern, da das Format für relevante Artikel wirbt, die auf die Vorlieben der Benutze zugeschnitten sind: „Mit Quellenpersonalisierung geben wir Quellen den Vorrang, die der Benutzer mag, aber zur gleichen Zeit bringen wir Stimmen mit ein, die wichtig für ein bestimmtes Thema sind. Es ist ein Gleichgewicht aus Personalisierung und glücklichem Zufall.” Das, so sagt er, kommt letztendlich der Demokratie zu Gute: „Wir lassen zu, dass Fakten aus einer Quelle durch andere ergänzt und miteinander verglichen werden.“ Hierdurch werden Benutzer besser informiert und das Risiko, dass sie einen verzerrten Blickwinkel basierend auf einer einzigen, voreingenommen Quelle erhalten, wird verringert.”

Für Bharat ist Google News ein integraler Bestandteil einer weiter gefasste Bewegung in Richtung Offenheit: „Letztlich hängt ‘offener Journalismus’ von einem soliden Enthüllungsverfahren ab, und Google News Produkte machen das möglich.‟

Mit dem Wachstum der digitalen Medien tobt der Kampf um die Kontrolle ihrer Zukunft weiter. „Das Gefühl der Unvorhersehbarkeit hat eine Möglichkeit geschaffen, und viele Kräfte werden versuchen, daraus Nutzen zu ziehen‟, sagt Des Freedman, Reader in Communications and Cultural Studies am Goldsmiths College in London. „Viele Studien zeigen inzwischen, dass Online-Nachrichtenquellen konzentrierter sind als Offline-Nachrichtenquellen. „Es gibt bisher natürlich weniger Studien über Twitter, aber die bisherigen Studien zeigen keine Umverteilung auf Twitter. ‟

Freedman meint, dass trotz der positiven Fallstudien das demokratisierende Potenzial der digitalen Medien auf jeden Fall noch in den Kinderschuhen steckt. „Google News ist eine andere Art der Nachrichtenverteilung. Bedeutet das, dass die dominanten Stimmen unbedingt anders sein müssen? Die Huffington Post ist technologisch gesehen in der Lage, eine Vielfalt von Stimmen anzubieten, doch sie passt in Hinblick auf ihre Leserschaft im Gegensatz zu ihrem Leserpotenzial in ein recht traditionelles Bild.‟

Dan Hind, der Autor von The Return of the Public, will dieses Ungleichgewicht über ein System der öffentlichen Auftragsvergabe wiederherstellen, indem die Menschen ein redaktionelles Budget handhaben und direkte Mitsprache über die Berichte haben, über welche berichtet werden sollen und von wem. „Es funktioniert, indem jeder einen kleinen Grad an Kontrolle über den Inhalt des Mainstreams bekommt, etwas, was ihnen in dem Moment versagt war.‟ Auf diese Art, erklärt Hind, „wird Journalismus zu einer Karriere, in der der Dienst an der Öffentlichkeit statt der Besitzer oder Redakteur als Weg zu Erfolg und Prestige betrachtet wird.‟

Es könnte einige Zeit dauern und ernsthaften Druck der Bevölkerung erfordern, bevor öffentliche Auftragsvergabe zur Realität wird. Doch für jetzt scheint es klar, dass gemeinschaftlicher Journalismus in der Art, wie er Aufschluss über Ian Tomlinsons Tod gegeben hat, den öffentlichen Bereich bereichert. Radikal demokratisierte Medien würden jedoch wahrscheinlich über verbrauchsorientierte Einzelpersonen hinausgehen, die in der Lage sind, Feedback oder Beiträge zu einem schon vorhandenen Vorgang zu geben. Laut Freedman ist die entscheidende Frage, „was meinen wir mit ‘offen’?‟ Falls offen nur eine Autobahn meint, die jeder befahren kann, dann ist das okay, solange Sie einen Wagen haben. Doch was ist, wenn Sie keine Mitsprache über die Instandhaltung haben, oder wohin die Straße führt?‟

Wie bei den meisten Revolutionen ist der Vorgang chaotisch. „Die alten Sachen gehen schneller kaputt, als sie mit neuen ersetzt werden können”, schreibt Medientheoretiker Clay Shirky. Und während sich die Spalten auftun, ergeben sich Möglichkeiten für Bürgerbeteiligung wie nie zuvor. Für die Mächtigen ist das beängstigend; für die Demokratie ist das eine wunderbare Sache.

Google News. Ägyptens „Tag des Zorns”. Datenjournalismus des Guardian. Sie sind nur der Anfang. Was auch immer als nächstes passiert, neue Technologien, das Aufbrechen der alten Hierarchien und die wachsende Stimmung für eine gerechtere Verteilung der Ressourcen deuten in die Richtung einer interessanteren Medienlandschaft als die, die wir gerade hinter uns lassen - eine, die Menschen mehr Macht gibt, um die Tagesordnung zu gestalten, Nachrichten zu machen und zu verbreiten und die Mächtigen wahrhaftig zur Verantwortung zu ziehen.

Freedman hat das letzte Wort: „Wir stehen vor einer Situation mit enormem Potenzial; eine Zeit, in der es einen großen Appetit auf neue Quellen und Blickwinkel gibt. Aber es ist keine Selbstverständlichkeit. So wie wir uns für soziale Gleichheit einsetzen, müssen wir uns auch weiterhin um eine Umverteilung der Medienressourcen bemühen.‟